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Naturnaher Waldbau

Warum der Waldbau für den Naturschutz wichtig ist

von Johannes Enssle am 23.03.2012 | 11:48 | Kommentare: 3 |

Im Fall von Waldökosystemen wissen wir aus mitteleuropäischen Naturwäldern (bzw. die wissenschaftliche Evidenz hierfür ist sehr groß), dass sich die Waldökosysteme in Mitteleuropa überwiegend kleinflächig verjüngen und dies auch in der Vergangenheit getan haben (Mosaikzyklus). D.h. die Evidenz ist groß, dass wir auf großen Flächen Mitteleuropas „dunkle Wälder“ vorfinden würden und sich lichte Teilflächen nur auf Störungsflächen oder auf Sonderstandorten einfinden würden.

Die Anhänger der Megaherbivorentheorie haben parkähnliche Landschaften vor ihrem inneren Auge, ähnlich der heutigen Serengeti. Es ist durchaus denkbar, dass in Mitteleuropa in Teilen auch parkähnliche Landschaften vorzufinden waren. Spät. mit dem Auftreten des Menschen hat es diese aufgrund der Rodungstätigkeit des Menschen und aufgrund der Waldnutzung durch den Menschen gegeben. Aber auch in Gebieten in denen Wisent und Rotwild Schwerpunktmäßig verbreitet waren, mag es diese Landschaften gegeben haben.

Der Schutz „lichter und offener Wälder“ hat also selbstverständlich seine Berechtigung, denn die Arten der lichten Wälder sind da und brauchen ihren Platz. Die wissenschaftliche Evidenz dafür, dass die Megaherbivoren die mitteleuropäischen Ökosysteme durchgehend, d.h. über mehrere Jahrtausende und dazu noch flächendeckend „überprägt“ haben, ist aber recht dünn.

Ohne sich zu sehr auf den doch eher akademischen Streit zwischen Megaherbivorentheorie und „Urwald“ einzulassen (denn dieser wird nicht wirklich fruchtbar zu Ende geführt werden können), ist im Waldbau ein pragmatischer Ansatz zu wählen.

Dieser sollte sich an der aktuellen Naturwaldforschung orientieren, die ja gerade im Bereich der Totholzschwellenwerte und der Verjüngungsdynamik von Naturwäldern in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht hat. Dementsprechend ist es sogar durchaus möglich, dass der klassische ANW Ansatz der Einzelbaumwirtschaft (Plenterwald) zumindest für Buchenwälder nicht wirklich der „naturgemäßere“ ist, da sich gerade die Buchenwälder auch im Urwald eher femelartig verjüngen (durch große Kronenabbrüche und Windwurf einzelner Baumgruppen).

Doch egal ob Plenter- oder Femelwald, entscheidend ist die kleinflächige Verjüngung und das flächige Vorhandensein der Alters- und Zerfallsphasen. Beides hat eben auch Naturschutzrelevanz und muss in einer Waldnaturschutzkonzeption daher auftauchen. Der alleinige Rückzug auf das AuT reicht dabei nicht aus, da ja auch im Naturwald die Zerfallsphasen nicht in mitten eines Meeres von lichten Wäldern vorkommen, sondern eben eher als „Lichtaugen“ in mitten von eher dunkleren Wäldern ihre Sonderrolle finden. U.a. ist dem NABU deswegen der Waldbau so wichtig, denn systematische Eingriffe wie Schirmschläge oder auch die von uns scharf kritisierte Räumung des Altbestandes über gesicherter Verjüngung (nach LWaldG § 15, 7.4) führt zu ein- bis zweidimensionalen Waldbeständen, denen die eigentliche Naturwaldausstattung (alte Bäume auf ganzer Fläche) und das Naturwaldinnenklima (eher dunkel und feucht) fehlen.

Hinzukommt, dass sich auch der NABU zur Nutzung des Rohstoffs Holz als umweltfreundliche Alternative zu Stahl und Beton bekennt. Bei Aspekten wie Bodenschutz, Klimaschutz (C-Bindung und Freisetzung), Wasserschutz und auch beim Thema Wertholzproduktion ist der Dauer- bzw. Femelwald den anderen Betriebsarten überlegen.

Die Waldnaturschutzkonzeption darf daher nicht nur waldbauliche Aussagen zu Lichtbaumarten und lichten Wäldern beinhalten sondern braucht auch dringend ein klares Bekenntnis zum Dauerwald (= in der Definition eines kleinflächig strukturierten Mischwaldes).

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  Kommentare
Felix Reining am 26.03.2012 14:11:25

Hallo Herr Enssle,

meines Wissens gibt es solche Zahlen gar nicht - wer soll sie denn erheben? Das ist auch überflüssig, man sieht das nämlich sehr gut draußen im Wald. An Transparenz mangelt es gerade da nicht.
Im Übrigen würde mich eher interessieren, auf welche Datengrundlage Sie Ihre Vermutungen zu flächigen Räumungen in Buchenbeständen stützen.

Aber in den Auswertungen der BWI können Sie nachlesen, dass die Wälder in BW im Durchschnitt immer älter und vorratsreicher werden. Da erschließt sich mir die Notwendigkeit einer gesetzlichen Regulierung überhaupt nicht.

Johannes Enssle am 23.03.2012 21:53:51

Hallo Herr Reining,

vielen Dank für Ihren Kommentar. Wenn es sich bei den flächigen Räumungen um flächenmäßige Peanuts handelt, was würde dann dagegensprechen den § 15, Absatz 7.4 im LWaldG (Räumung des Altbestandes über gesicherter Verjüngung) zumindest für Buchenbestände zu streichen.

Haben Sie Zahlen über den Flächenanteil der flächig geräumten Buchenaltbestände in BW? Wenn ja, würden diese mich interessieren. Wenn nein, unterstützen Sie vielleicht unseren Vorschlag für mehr Transparenz im öffenltichen Wald (siehe link).  Link hor=&submenucontext=&id_authorview=6

Felix Reining am 23.03.2012 14:53:19

Hallo Herr Enssle,

da ist voll zuzustimmen:
"die Evidenz ist groß, dass wir auf großen Flächen Mitteleuropas „dunkle Wälder“ vorfinden würden und sich lichte Teilflächen nur auf Störungsflächen oder auf Sonderstandorten einfinden würden."

Deshalb sollte auch weniger über die eher geringen Flächen lichter Wälder diskutiert werden, als über die flächenmäßig bedeutsamen Waldtypen wie die Buchenwälder.

Der Femelschlag ist in der Tat ein für Buchenwälder sehr passendes naturnahes Verjüngungsverfahren. Die von Ihnen immer wieder beklagten Schirmschläge und Räumungen sind in der baden-württembergischen Waldbaupraxis im Buchenwald von untergeordneter Bedeutung. Wir sollten hier keinen falschen Eindruck schüren.
Aber irgendwann werden auch im naturnah bewirtschafteten Wald die Bäume geerntet, und zwar im Sinne der von Ihnen begrüßten Holznutzung zu einem Zeitpunkt, an dem das Holz am besten verwendbar ist.

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