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Naturnaher Waldbau

Zum Umgang mit Eiche und Kiefer

von Johannes Enssle am 19.03.2012 | 21:43 | Kommentare: 12 |

Zu Ziel 2: Lichtbaumarten werden durch vielfältige Waldbauverfahren und die Nutzung von Störungsflächen mit einem Anteil von mind. 15% (dabei mind. 10% Laubbäume) an der Baumartenzusammensetzung beteiligt.

Die Absicht dieses Ziels und der angestrebte Anteil von 15 % lichten Wäldern ist durchaus erstrebenswert. Bei den Maßnahmen sieht es jedoch problematischer aus, denn einen Freibrief für Großschirmschläge und Kahlschläge als Standardverfahren für die Verjüngung insbesondere der Eiche wird der NABU nicht mittragen können.

Sofern dieses Ziel im Kapitel „naturnaher Waldbau“ bleibt“ und nicht den nächsten Kapiteln(„Lichte Wälder oder Artenmanagement“) zugeschlagen wird und als spezielle Artenschutzmaßnahme betrachtet wird, ist es in der jetzigen Form probelmatisch.

Wir schlagen folgende Änderung des ersten Spiegelstrichs unter den Maßnahmen vor: „Auch die Lichtbaumarten Eiche und Kiefer werden vorrangig natürlich verjüngt. Die Verjüngung erfolgt über kleinflächige Verjüngungsverfahren wie größere Femel- und Lochhiebe bis zu einer Größe von 0,3 ha unter Ausnutzung von Mastjahren (bei Eiche). Entscheidend für den Verjüngungserfolg dieser Lichtbaumarten ist die gezielte Einregulierung des Schalenwildbestands während der Verjüngungsphase.“

Als zusätzlicher Punkt sollte eingefügt werden:
„Insbesondere bei der Verjüngung der Eiche erfordert die Regulierung des Schalenwildes besondere Aufmerksamkeit.“

Begründung:

Zur Eiche:
Auch die Eiche ist auf vielen Standorten mit kleinflächigeren Verjüngungsverfahren zu verjüngen als mit Großschirmschlägen (siehe Fichtner"sches Eichenverjüngungsverfahren im Landkreis Heilbronn). Hier muss sowohl in der Waldnaturschutzkonzeption als auch bei der Überarbeitung der WET wesentlich differenzierter vorgegangen werden und ggf. nach Standorten und Eichenwaldtypen unterschieden werden. Ebenso ist der Einfluss des Wildes auf die Eichenverjüngung zu berücksichtigen. Auch hier lohnt sich ein Blick nach Heilbronn. Den hier formulierten Freibrief für Schirmschläge bei der Eiche werden der NABU (und vermutlich auch andere Naturschutzverbände) nicht als solchen mittragen können!

Zur Kiefer:
auch hier muss sowohl in der Waldnaturschutzkonzeption als auch bei der Überarbeitung der WET wesentlich differenzierter vorgegangen werden. Es lohnt sich der Blick nach Brandenburg. Die Kiefer wird im Staatswald von Brandenburg (auch auf Kiefernstandorten die nicht umgebaut werden sollen), mit Kleinkahlschlägen verjüngt sondern über die Einzelbaumentnahme mit einer ggf. starken Herabsetzung des Bestockungsgrades (siehe überarbeite Fassung des "Grünen Ordners" in Brandenburg sowie Duhr und Mehl (2011)). Kleinkahlschläge bei der Kiefer führen zur Vergrasung und erfordern Pflanzung sowie Beiwuchsregulierung. Hinzu kommt, dass Kleinkahlschläge in Form von Schachbrett-Kahlschlägen auch im Staatswald(!) missbraucht werden können (siehe ebenso Brandenburg). Diese Gesetzmäßigkeiten sind — vorausgesetzt es handelt sich um echte Kiefernstandorte - weitestgehend unabhängig vom Wuchsgebiet. D.h. Kleinkahlschläge als "Sonderweg in Baden-Württemberg" lassen sich auch nicht mit anderen standörtlichen Gegebenheiten in Baden-Württemberg begründen.

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  Kommentare
Dr. Joachim Rock am 26.03.2012 14:36:40

Sehr geehrte Frau Hartard,

"Standardverfahren" sind in der Regel nur für "Standardsituationen" geeignet. Deshalb sollte bei der Verfahrensauswahl die Möglichkeit der Abweichung vorgehalten sein. Jeder Versuch, Abweichungen von der "Norm" unter den Standard zu packen steigert die Gefahr, diesen so zu verwässern dass er unkonkret und damit bedeutungslos wird.

Für die Lichtbaumarten bringt weder z. B. ein Femelbetrieb noch ein Schirmschlag immer und überall das gewünschte Ziel, weshalb weder die generelle Forderung nach einem jeweiligen Verbot noch die Benennung als Standard zielführend wäre. Ein Beispiel zur Kiefer: Ich bin heute Morgen an Kiefern-Naturverjüngung unter nahezu Vollbestockung vorbeigefahren - das funktioniert "dort" trotz nicht unerheblichem Damwildvorkommen, in anderen Ecken Brandenburgs selbst "ohne Schalenwild" nur begrenzt. Je nach Standortfaktoren wäre es den betroffenen Waldbewirtschaftern gegenüber unfair, sie alle über einen Kamm zu scheren.

Zum "naturnahen Waldbau":
Wie definieren Sie den Begriff "naturnahen Waldbau"? Diesbezüglich kenne ich verschiedene Ausprägungen und habe doch bei Waldbau-Exkursionen dogmatische Streitgespräche zwischen verschiedenen "Naturnahen" und "Naturgemäßen" mitbekommen, obwohl der "naturgemäßeste" Betrieb, den ich je besucht habe, sich gegen dieses Etikett verwehrte und und schlichtweg einen "ökonomischen, Ausgaben reduzierenden" Waldbaustil praktizierte.

Wenn man unter "naturnah" versteht, natürliche Prozesse soweit wie möglich auszunutzen, dann können alle Ziele, die so erreichbar sind, unter dieses Logo subsummiert werden. Alle Ziele, die Abweichungen vom derzeit existierenden (oder als natürlich anerkannten) Prozessfächer erfordern (Beweidung, BA-Anteil-Steuerung durch Verbiss / Schäle, Feuer, Sukzessionsunterdrückung / Offenhaltung) werden natürlich nur zufällig (durch Störungen) erreichbar sein UND sie sind qua definitionem "unnatürlich", was ihre Forderung aus Naturschutzgründen as absurdum führt oder besondere Rechtfertigungszwänge schafft, und dass, obwohl auch die ihnen zu Grunde liegenden Prozesse ebenfalls natürlich sind. D. h. entweder

1.) diese Prozesse werden ebenfalls vollberechtigt anerkannt und zielgerichtet gesteuert,
2.) Naturschutzmanagement muss in manchen Fällen offensiver als aktiver Eingriff betrieben und vermittelt werden oder
3.) bestimmte Arten, Zustände etc. werden aufgegeben und ihr Vorkommen dem Zufall überlassen.

1.) führt zu hohem internen Abstimmungsaufwand und einer Umdeutung von "naturnah", 2.) ist die Anerkenntnis, dass "naturnah" nicht "natürlich genug" ist (die "neoklassische Kielwassertheorie" in der Praxis nicht ausreicht) und 3.) quasi eine Kapitulation vor entweder zu geringen Ressourcen oder einem sehr engen Natürlichkeitsverständnis, das z. B. historische Entwicklungen vernachlässigt.

Abhängig davon, wo die Grenzen der "Natürlichkeit" gezogen werden, sind Ziele dann unter der Flagge "naturnaher Waldbau" erreichbar.

Unabhängig von den Begrifflichkeiten und Dogmen müssen die Ziele operationalisiert und vor Allem quantifiziert sein und es muss ein geeignetes Monitoring existieren, dass auch Aussagen über die notwendigen Steuerungseingriffe liefert oder nachweist, dass dieses Ziel im Kielwasser des naturnahen Waldbaus à la BW erreicht wird.

Mir persönlich wäre deshalb eine Einteilung in "zielführend / nicht zielführend" wichtiger als "naturnah / nicht naturnah".

Mit freundlichen Grüßen,

Joachim Rock

Moderation am 23.03.2012 15:58:34

Hallo Felix Reining, hallo Dr. Joachim Rock,

wenn ich Sie richtig verstehe, halten Sie hinsichtlich der Förderung von Lichtbaumarten sowie für den Erhalt mancher Arten Standardverfahren im Rahmen des naturnahen Waldabaus für problematisch.

Welche Waldarten können Ihrer Meinung nach durch den Naturnahen Waldbau ausreichend berücksichtigt werden und welche Elemente des naturnahen Waldbaus könnten diesbezüglich wie verbessert werden? Wo sehen Sie demnach jedoch auch die Grenzen des Naturnahen Waldbaus?

Wie können Ihrer Meinung nach diese sehr wichtigen Naturschutzaspekte (Förderung der Lichtbaumarten, Erhalt spezieller Arten) bei der Bewirtschaftung des Staatswaldes dennoch angemessen berücksichtigt werden?

Fragt interessiert,
Britta Hartard (Moderation)

Dr. Joachim Rock am 23.03.2012 14:16:37

Den Verweis auf die Problematik von Standardverfahren möchte ich ausdrücklich unterstützen. "One size fits all" hat noch nie gestimmt und ob man sich im Kielwasser einer Alterklassenbewirtschaftung oder einer "naturnahen" befindet ist für die Probleme mancher Arten egal. Das sind zwar in der Regel andere Arten, aber das Grundproblem bleibt. Solange man sich dann darüber streitet, ob das Kielwasser mehr rechts oder mehr links verlaufen sollte leiden die Arten (oder Biotope oder LRT oder ...), die man aktiv beachten müßte.

Viele Grüße,

JR

Felix Reining am 23.03.2012 14:08:57

Hallo Herr Enssle,

genau das ist der Punkt: Standardverfahren bringen uns nicht weiter. Wenn die Förster in den letzten 20 Jahren etwas falsch gemacht haben, dann die standardmäßig zu einseitige Orientierung auf einzelbaumweise Wirtschaft mit entsprechender Benachteiligung der Lichtbaumarten. Der NABU hat ja neulich erst beklagt, dass die Wälder zu dicht und zu dunkel für lichtliebende Arten sind. Stimmt! Für die Eiche wäre Ihr Vorschlag eines Verbots von Schirmschlägen deshalb genauso rückwärts gewandt wie eine (nicht erwünschte) Wiedereinführung der Kahlschlagswirtschaft....
Es geht auch nicht um Deckmäntelchen. Aber Sie müssten schon mal erklären, warum ein Mittelwald toll sein soll, aber ein Alteichenbestand auf 1 ha in Schirmstellung vollkommen inakzeptabel.

Johannes Enssle am 23.03.2012 12:11:07

Liebe Kommentatoren,

vielen Dank für die viefältigen Kommentare. Ich denke die Diskussion darüber ist noch nicht abgeschlossen.

Ich verwehre mich auch nur dagegen, die Schirmschläge bei Eiche und die Kahlschläge bei Kiefer unter dem Dekcmantel des Naturschutzes zum Standardverfahren des "naturnahen Waldbaus" zu machen.

Das wäre doch auch wieder zu einfach. Deshalb muss die Waldnaturschutzkonzeption hier differenzierter vorgehen. Einen Freibrief für Schirmschläge darf es aus meiner Sicht auch bei Eiche nicht geben. Ich gebe aber zu, dass hier noch weiterer Diskussionsbedarf besteht.

Moderation am 22.03.2012 13:32:15

Hallo Herr Krammer,
vielen Dank für Ihren Beitrag. Wie könnte denn Ihrer Meinung nach so eine jagdliche Organisation im Detail aussehen?

Beste Grüße von der Moderation
(Simone Stübner)

Gerhard Krammer, Dipl.-Biol. am 22.03.2012 13:22:14

Bin kein Forstmann, sondern ´nur´ Jäger, und hätte nix dagegen, wenn die Forstpraktiker verschiedene Verfahren ausprobieren dürfen, um den Eichen wieder eine Chance zu geben - das Ergebnis zählt für mich!
Allerdings befürchte ich, dass wenn zwar genug Licht da ist für die Eiche, leider meist auch genug Rehe da sein werden, um alle diese Eichen weiterhin soweit kurz zu halten, dass sie am Ende doch wieder nur in Ausnahmefällen eine Chance haben durchzukommen - das kommende Verbissgutachten wird es wohl auch wieder bestätigen, dass dem leider über alle Waldbesitzarten hinweg so ist, und die Ergebnisse im Staatswald zwar leicht besser, aber sicher auch lange noch nicht gut genug sind.
Habe aber die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die Jagd künftig so organisiert wird, dass ausreichend Anreize für eine waldgerechte (und damit letztlich auch wildgerechte) Jagd entwickelt und durchgesetzt werden, das wir unseren Enkeln beim Waldspaziergang auch noch Eichen und Tannen zeigen können, und nicht nur noch neben Fichten und Buchen die angeblich klimastabileren Douglasien
MfG,
GK

Karl-Friedrich Weber am 21.03.2012 8:23:22

Die Behauptung,Eichenwälder könne man nur in Form von Kleinkahlschlägen wirtschaftlich und ökologisch unbedenklich begründen, ist falsch und wird an Beispielen aus der Praxis vielfach widerlegt. Ich vermute, dass misslungene Versuche und die Hinwendung zur maschinengerechten Kulturgründung Mitursache für das inzwischen verfestigte Meinungsbild sind, dass dann irgendwann nicht mehr hinterfragt wird. Die von mir vor ca. 30 Jahren in Löchern um 0,2 - 0,3 ha als Planzung gegründeten Eichenkulturen sind ausnahmslos gelungen,haben bis auf einen Kulturpflegegang in den folgenden Jahrzehnten keine Maßnahmen erfordert und weisen ein sehr gute Qualität auf. Wirtschaftlicher geht es nicht. Ein heutiges Problem dürfte auch sein, dass Routine und Erfahrung in der Eichenbewirtschaftung allmählich verloren gegangen sind. Wir sollten wieder mehr von Waldbaukunst sprechen.

zaisental am 20.03.2012 17:14:20

Hallo Herr Enssle,
je kleiner die Verjüngungsfläche ist, desto größer dioe Probleme mit Wildverbiss und Dunkelheit. Unter 0,3 ha macht es für die Eiche keinen Sinn!Erfolgreich sind großflächige Verjüngungen unter Belassen einiger Altholz-Insel, was in Frankreich seit Jahrzehnten und in der Pfalz seit kurzem praktiziert wird.Warum so konservativ ?

Felix Reining am 20.03.2012 16:18:59

Hallo Herr Enssle,

demnach müsste sich der NABU strikt gegen die Wiederbelebung ehemaliger Mittelwälder verwahren. Das ist nichts anderes als ein periodischer Schirmschlag.

Dass eine Lichtbaumart wie die Eiche eben Licht braucht zur natürlichen Verjüngung, ist Fakt. Wir können derzeit unsere Eichenanteile nur halten, weil in älteren Mischbeständen die Buche zugunsten der Eiche entnommen wird. An Naturverjüngung kommt zu wenig, und zwar nicht wegen der Rehe, sondern weil die Buche im Schatten konkurrenzkräftiger ist. Die Beispiele aus Heilbronn sind wenig aussagekräftig, weil dort noch keine langjährigen Erfahrungen vorliegen. Im Stadtwald Kehl git es übrigens FSC-zertifizierte Schirmschläge. Ich meine, man muss das ausprobieren können. Nichts ist schlimmer im Waldbau als Ideologie und Dogmatik. Es muss uns doch darum gehen, die Ökobaumart Eiche für die nächste Waldgeneration zu erhalten.

Und verwechseln Sie mir bitte nicht die brandenburgischen Kiefernmonokulturen mit dem baden-württembergischen Mischwald. Das ist m.E. ein vollkommen unzutreffender Vergleich.

Moderation am 20.03.2012 14:28:37

Hallo Vollkommener Ernst,

mögen Sie vielleicht etwas näher erläutern, welcher Zusammenhang zwischen der von Ihnen genannten Größe von Femel- und Lochhieben und der Häufigkeit von Mastjahren bei der Eiche besteht?

Fragt interessiert,
Britta Hartard (Moderation)

Vollkommener Ernst am 20.03.2012 12:26:18

Wieso eigentlich gerade 0,3 ha? Mastjahre kommen doch mittlerweile beinahge jährlich vor...

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