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Naturnaher Waldbau

Inhalte dieses Kapitels passen nicht zu einem wirklich naturnahen Waldbaus

von Johannes Enssle am 19.03.2012 | 21:19 | Kommentare: 8 |

Allgemein: Die in diesem Kapitel vorgestellten Ziele und Maßnahmen gehen am Kern und an den eigentlichen Zielen des naturnahen Waldbaus vorbei.

Hier entsteht der Anschein, als sollen unter dem Deckmantel des Artenschutzes hohe Douglasienanteile, Schirmschläge und Kahlschläge gerechtfertigt werden.

Einen einfachen Freibrief für Kahl- und Großschirmschläge bei Eiche und Kiefer darf es in Baden-Württemberg aber nicht geben. Stattdessen muss der Übergang zur Dauerwaldwirtschaft in den von Buche und Tanne geprägten Waldlandschaften Baden-Württembergs das eigenltiche Ziel dieses Kapitels sein. In Anlehnung an den Mosaikzyklus in Naturwäldern erfordert ein naturnaher Waldbau daher auf dem ganz überwiegenden Teil der heimischen Waldfläche ein am Einzelbaum ausgerichteten Waldbau mit alten Bäumen auf ganzer Fläche.

Aus Sicht des NABU müssen daher die folgenden Punkte im Kapitel „naturnaher Waldbau“ der Waldnaturschutzkonzeption wiederzufinden sein:

- Vorrang für Naturverjüngung — kein pflanzaktiver Waldbau (Pflanzung als Ausnahme)

- Keine Kahlhiebe und flächige Räumungen des Altholzes, alte Bäume sind überall auf der Fläche vorhanden

- Ausrichtung der Bewirtschaftung am Einzelbaum und an der Baumgruppe

- Der Bestockungsgrad wird nicht unter 0,6 bis 0,8 abgesenkt, alte Bäume sind auf der Fläche permanent vorhanden

- Der Fokus liegt auf den heimischen Baumarten, einer Baumartenvielfalt, auf guten Qualitäten und einer Wertholzerzeugung im Zeichen eines „Premiumwaldbaus“

- Die konsequente Waldpflege fördert Mischbaumarten und ermöglicht je nach Standort eine hohe Baumartendiversität mit Ei, Bah, Sah, Speierling, Elsbeere, Es, Kir, Wnu, Hbu, Li, Fah, Bi, Ta und Ki

- Nicht standortsheimischer Baumarten (Dgl, Snu, Rei, Rob) werden nur trupp- bis gruppenweise (auf Flächen < 0,1 ha) integriert

- Zur Sicherung einer flächenhaften Naturverjüngung der Hauptbaumarten wird die Jagd an der Erhaltung und Entwicklung einer waldökologisch verträglichen Wilddichte ausgerichtet

- Die Umsetzung der naturnahen Bewirtschaftung erfolgt auf Basis qualifizierter Revierleiter (Förster) und Waldfacharbeiter

- Auf Pestizide wird verzichtet.

- Es werden bestandesschonende Erntetechniken eingesetzt

- Besondere Bewirtschaftungsformen wie Nieder-, Mittel- oder Hudewald sowie die damit verbunden Pfelgeeingriffe (dies können im Einzelfall auch Maßnahmen wie „Stockrodung“ bei Niderwäldern oder auch kleine Kahlschlag sein) sind nicht Bestandteil des naturnahen Waldbaus, sondern den Maßnahmen des speziellen Artenschutzes zuzuweisen. Diese Aspekte werden in den Kapiteln „Lichte, offene Wälder“ und „Artenmanagement“ ausführlich behandelt.

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  Kommentare
Dr. Joachim Rock am 29.03.2012 13:38:42

Sehr geehrter Herr Dr. Kühn,

natürlich müssen idealerweise alle Auswirkungen eines Tun oder Lassens erfasst und bewertet werden, ökologisch, ökonomisch etc. Wenn uns die WNS BW für den ökologischen Sektor diesbezüglich weiterbringt würde ich das sehr begrüßen.

Ich halte es nur nicht für Ziel führend, einen wissenschaftlich neutralen Begriff in seiner Bedeutung so einzuschränken wie es hier getan wird. Das schafft mittelfristig nur zusätzliche Probleme, weil zu hohe Erwartungen an den Erfolg einer Kielwasser- oder Trittbrettfahrerstrategie gestellt werden, weil man z. B. auf Synergien vertraut die real nicht existieren.

MfG

Joachim Rock

Dr. Tobias Kühn am 29.03.2012 12:04:38

Sehr geehrter Herr Dr. Rock,

dann mag die "waldökologisch vertretbare (Schalen-)Wilddichte" im engeren Sinn vielleicht für Sonderstandorte mit Naturschutzpriorität sinnvoll sein, gewiss nicht für die - weit überwiegende - Fläche, in der die Holzproduktion in bisherigem Umfang fortgeführt werden soll.
Man bedenke stets das Ende gilt auch hier: Flächen, die aus der Holzproduktion genommen werden, müssen ersetzt werden, sei es durch andere Standorte mit Holzproduktion oder gleich durch andere Stoffe (Stahl, Alu, Glas, Kunststoff) - die "ökologischen" Auswirkungen einer solchen Vorgehensweise müssten allerdings sauber dokumentiert werden, damit keine Milchmädchen/-männchenrechnung daraus wird.

Gruß

TK

Dr. Joachim Rock am 29.03.2012 11:19:01

Sehr geehrte/-r Micha,

die von Frau Emmert angesprochene Wilddichte ist nicht die "waldökologisch vertretbare", sondern die im Rahmen einer bestimmten Eigentümerzielsetzung vertretbare. Sie ist damit mit einem bestimmten Bewirtschaftungsmodell verbunden. "Waldökologisch vertretbar" ist alles, was im Rahmen einer natürlichen Prozessen folgenden Populationsentwicklung in der Vegetationsform WALD stattfinden kann. Da auch zeitweise nach Störungen offen gehaltene Flächen (wo der Verbiss höher ist als im von Ihnen gelieferten Zitat) Teil des Waldmosaiks sind ist die dort postulierte "natürliche" Wilddichte so nicht bestimmbar. Die Benutzung des Wortes "natürlich" in diesem Zusammenhang verengt den Blick auf einen Teilbereich der natürlichen Dynamiken und Prozesse, so als würde man jedes vierrädrige Kraftfahrzeug pauschal als "Auto" bezeichnen, egal ob "Trabbi", Porsche oder Radlader.

Mit freundlichen Grüßen,

Joachim Rock

Micha am 29.03.2012 9:23:27

Herr Dr. Rock,
zu Ihrer Frage "Wie beziffert man eine verträgliche Wilddichte?" ein Zitat von Elisabeth Emmert aus  Link

"Es lässt sich anhand sogenannter Verbissgutachten sehr leicht und genau feststellen, ob - beispielsweise - zu viele Rehe im Revier sind, die die natürliche Verjüngung beeinträchtigen oder gar verhindern. Es wäre einfach und zielführend zu sagen: Wenn bestimmte Zeigerpflanzen, etwa der Hasenlattich oder die Eiche, nicht oder kaum verbissen werden, haben wir eine natürliche, eine waldangepasste Wilddichte. Wenn nicht, muss mehr geschossen werden."

C. Bennerk am 21.03.2012 13:32:36

Sehr geehrte Teilnehmer,
zu dem Thema "Was ist “Naturnähe” im Wald und wie kann man sie messen?" möchte ich auf einen von Vortrag von Winter und Flade (Geobotanik, Technische Universität München)verweisen und aus Ausblick und Folgerungen zitieren:
1.
Naturnähe als zentrales Naturschutz-Kriterium ist in Wäldern objektiv messbar
2.
Die Methoden sind seit neuestem entwickelt und recht umfangreich für verschiedene Waldtypen getestet
3.
PnV, BHD, Waldentwicklungsphasen, Totholz und Mikrohabitate sind wichtige integrierende Schlüsselparameter
4.
Der Aufwand ist machbar (abhängig von der Anzahl der aufgenommenen Parameter)
5.
Die flächendeckende Naturnähe-Ermittlung im Rahmen der Erstellung und Fortschreibung der MP und PEP (alle 10-15 Jahre) wäre zukünftig ein empfehlenswertes Monitoring-Instrument zur Beurteilung des Erhaltungszustands
-
Quelle:
 Link

Vollkommener Ernst am 21.03.2012 13:09:47

Sehr geehrter Herr Ensle,

die von Ihnen angesprochenen Punkte sind doch zum überragenden Teil schon durch entsprechende Waldgesetze oder Zertifizierungssysteme (in naher Zukunft: FSC) abgedeckt. Das Kapitel "Naturnahe Waldwirtschaft" geht darüber hinaus (wenn der Name auch etwas anderes suggerieren mag) und nennt m. E. n. zusätzliche Vorhaben. Die Punkte, die Sie nennen, werden schon umgesetzt (Kahlschlagsverbot, Ausbildungsgrad, Förderung seltener Baumarten, bestandesschonende Techniken, Bestockungsgrad) oder werden es nach der FSC-Zertifizierung (kein Pestizideinsatz, Fremdländereinbringung).

Karl Franz Hecker am 21.03.2012 11:00:37

Sehr geehrter Herr Ensle,sehr geehrte Teilnehmer,

der Begriff "naturnaher Waldbau" wurde und wird unterschiedlich ausgefüllt,bzw.in der Diskussion verwendet.Ebenso der vielgeschundene Begriff der Nachhaltigkeit.

Der Begriff der Dauerwaldwirtschaft gehört m.E. zum Begriff des "naturgemäßen Waldbaus".

Die von ihnen genannten Vorderungen skizzieren deutlich die Problemfelder der aktuellen Waldwirtschaft.

Der Vorrang der Nachhaltigkeit des Standortpotentials sollte ein Weiser in der Diskussion sein.

Einer Umsetzung stehen vielfältige Einzelinteressen gegenüber,ebenso lassen sie sich(Ihnen sicherlich klar!) nicht auf allen Flächen gleichermaßen berücksichtigen.

Grundsätzlich stellt die Integration von Naturschutzbelangen in die Bewirtschaftung der Wälder einen Teil des Ganzen dar,das herausnehmen bestimmter Flächen aus der Bewirtschaftung aufgrund ihrer Besonderheit einen anderen.

Mfg

Karl Franz Hecker

Dr. Joachim Rock am 19.03.2012 22:22:30

Hallo Herr Enssle,

die "neoklassische Kielwassertheorie*" in allen Ehren, aber ich hätte zu Ihrem Beitrag zwei Fragen:

1.) aus Sicht des wolfs- und rotwildverwöhnten Norddeutschen: Wie beziffern Sie eine "waldökologisch verträgliche Wilddichte", wenn nicht einmal 4% der Landesfläche eine auch nur annähernd naturnahe Faunenausstattung haben (und auf den 4% die Wilddichte dann laut Buschfunk unökoNoMisch hoch sein soll)?

2.) Welche Flächenanteile sollen für besondere Bewirtschaftungsformen (historische Nutzungsformen und artenschutzspezifische Maßnahmen) zur Verfügung stehen und welche Ressourcen sollten dafür aus dem Haushalt bereitgestellt werden (prozentual)?

Beste Grüße,

JR

*= der Glaube daran, dass sich die meisten Naturschutzprobleme im Kielwasser einer bestimmten Waldbewirtschaftungsweise nicht ergeben

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