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INFOTHEK

Integrierter Waldschutz

Naturschutzrelevante Verfahrens- und Qualitätsstandards bei ForstBW im Hinblick auf den Integrierten Waldschutz

Definition des Integrierten Waldschutzes
"Anwendung aller wirtschaftlich, ökologisch und toxikologisch vertretbarer Methoden,
um Schadorganismen unter der wirtschaftlichen (bzw. im Forst: das Betriebs- oder
Schutzziel gefährdenden) Schadensschwelle zu halten, wobei die bewusste
Ausnutzung naturlicher Begrenzungsfaktoren (z. B. Witterung, Konkurrenz,
Parasiten, Räuber u. a.) im Vordergrund steht" (FRANZ und KRIEG, 1982).
Integrierter Waldschutz ist somit die Optimierung des Zusammenspiels von
Ökonomie, Ökologie und Gesundheitsschutz bei Waldschutzmaßnahmen.

Rechtliche Grundlagen des Integrierten Waldschutzes

Rechtliche Grundlagen finden sich im Pflanzenschutzrecht und im Forstrecht:

Verordnung (EG) Nr. 1107/2009 (2009)
Zitat 1 in der Einleitung bei der Aufzählung der Gründe fur die neue Verordnung:
"(35) Zur Sicherung des hohen Schutzniveaus fur die Gesundheit von Mensch und
Tier und die Umwelt sollten Pflanzenschutzmittel sachgemäß entsprechend ihrer
Zulassung unter Beachtung der Grundsätze des integrierten Pflanzenschutzes
verwendet werden, wobei nach Möglichkeit nichtchemischen und natürlichen
Alternativen Vorrang zu geben ist. Der Rat sollte die Grundsätze des integrierten
Pflanzenschutzes, einschließlich der guten Pflanzenschutzpraxis und
nichtchemischer Verfahren des Pflanzenschutzes, der Schädlingsbekämpfung und
des Pflanzenanbaus, in die Überprüfung der Grundanforderungen an die
Betriebsführung gemäß Anhang III der Verordnung (EG) Nr. 1782/2003 des Rates
vom 29. September 2003 mit gemeinsamen Regeln für Direktzahlungen im Rahmen
der gemeinsamen Agrarpolitik und mit bestimmten Stützungsregelungen für Inhaber
landwirtschaftlicher Betriebe (1) aufnehmen."

Artikel 3 "Begriffsbestimmungen":
"18. "gute Pflanzenschutzpraxis" eine Praxis, bei der die Behandlung bestimmter
Pflanzen oder Pflanzenerzeugnisse mit Pflanzenschutzmitteln in Übereinstimmung
mit dem durch die Zulassung abgedeckten Verwendungszweck so ausgewählt,
dosiert und zeitlich gesteuert wird, dass eine akzeptable Wirkung mit der geringsten
erforderlichen Menge erzielt wird, unter Berücksichtigung lokaler Bedingungen und
der Möglichkeit einer Bekämpfung mittels geeigneter Anbaumethoden und
biologischer Mittel"

Artikel 55 Verwendung von Pflanzenschutzmitteln
"Pflanzenschutzmittel mussen sachgemäß angewendet werden.
(1) Die sachgemäße Verwendung umfasst die Befolgung der Grundsätze der guten
Pflanzenschutzpraxis und die Einhaltung der gemäß Artikel 31 festgelegten und
auf dem Etikett angegebenen Bedingungen. Sie umfasst ferner die Einhaltung
der Bestimmungen der Richtlinie 2009/128/EG und insbesondere der
allgemeinen Grundsätze des integrierten Pflanzenschutzes gemäß Artikel 14
und Anhang III der genannten Richtlinie, die spätestens ab dem 1. Januar 2014
angewendet werden.

Pflanzenschutzgesetz des Bundes (2012)
§ 2 Begriffsbestimmungen
2. Integrierter Pflanzenschutz:

eine Kombination von Verfahren, bei denen unter vorrangiger Berücksichtigung
biologischer, biotechnischer, pflanzenzüchterischer sowie anbau- und
kulturtechnischer Maßnahmen die Anwendung chemischer Pflanzenschutzmittel auf
das notwendige Maß beschrankt wird;

§ 2a Durchfuhrung des Pflanzenschutzes
(1) Pflanzenschutz darf nur nach guter fachlicher Praxis durchgeführt werden.
Die gute fachliche Praxis dient insbesondere
1. der Gesunderhaltung und Qualitätssicherung von Pflanzen und
Pflanzenerzeugnissen durch
   a) vorbeugende Maßnahmen,
   b) Verhütung der Einschleppung oder Verschleppung von Schadorganismen,
   c) Abwehr oder Bekämpfung von Schadorganismen und
2. der Abwehr von Gefahren, die durch die Anwendung, das Lagern und den
sonstigen Umgang mit Pflanzenschutzmitteln oder durch andere Maßnahmen
des Pflanzenschutzes, insbesondere fur die Gesundheit von Mensch und Tier
und für den Naturhaushalt, entstehen können.

Zur guten fachlichen Praxis gehört, dass die Grundsätze des integrierten
Pflanzenschutzes
und der Schutz des Grundwassers berücksichtigt werden.

Landeswaldgesetz von Baden-Württemberg (2009)
§ 14: Pflegliche Bewirtschaftung des Waldes
(1) Zur pfleglichen Bewirtschaftung gehört insbesondere..........
     4. "der Gefahr einer erheblichen Schädigung des Waldes durch
          Naturereignisse, Waldbrände, tierische und pflanzliche Forstschädlinge
          vorzubeugen."

Gesetzeskommentar zu §14 (1) Nr. 4:
"Eng verknüpft mit den in Anm. 6 genannten Pflegemasnahmen ist die Verpflichtung,
der Gefahr einer erheblichen Schädigung des Waldes durch Naturereignisse,
Waldbrande
, tierische und pflanzliche Forstschädlinge vorzubeugen. Es handelt
sich hier um den vorbeugenden biologischen Waldschutz - die Waldhygiene. Die
hierher gehörenden Maßnahmen sind teilweise identisch mit den in Anm. 6
genannten Pflegemaßnahmen. Hinzu treten weitere waldbauliche und
betriebstechnische Maßnahmen
wie z. B. Baumartenwahl und -mischung,
Bestandeslagerung, Los- und Freihiebe, Aufbau biologisch gemischter, gestufter und
sturmfester Waldtraufe (Waldränder), in Ausnahmefällen technische
Sturmschutzmaßnahmen (z. B. Wipfelköpfung), Anlage von Wind- und
Laubholzstreifen in geschlossenen Nadelholzgebieten u.a.m. Die Vorbeugung gegen
Naturereignisse und Waldbrände wird durch die Vorschriften des § 18 ergänzt,
wonach darüber hinaus bestimmte Schutzmaßnahmen angeordnet werden können.
Zur Vorbeugung gegen tierische Schädlinge gehört auch die ausreichende und
rechtzeitige Kontrolle auf Befallsrisiken und mögliche Befallsherde, so z. B. das
Borkenkäfer-Monitoring mit Pheromonfallen und im Bedarfsfall auch die intensive
Kontrolle befallsgefährdeter Bestände bei erhöhtem Risiko, etwa bei drohenden
Borkenkäfer-Gradationen nach Sturmwürfen."

Elemente des Integrierten Waldschutzes
Waldbauliche/biologische Maßnahmen
. Standortsgerechte Baumartenwahl
. Waldpflege Baumarten- und Strukturreichtum
. Waldhygiene ("saubere Wirtschaft")
. Biologische Verfahren sind im Waldschutz in der Regel Maßnahmen, die die
biologische Vielfalt fördern und den Antagonistenkomplex schonen bzw. fördern
(z. B. Ameisen-, Vogel-, Fledermaus-, Greifvogelschutz u.a.) und der Förderung
der Biodiversität und damit der Prävention dienen.
Mit gezielter Ausbringung von Nützlingen (Antagonisten) können
Massenvermehrungen von Schadinsekten nicht wirksam bekämpft werden.

Biotechnische Maßnahmen
. Einsatz von Fangbäumen, Fangknüppeln, Fangrinde, Pheromonfallen u. a.

Mechanische Maßnahmen
. Reduktion der Population durch mechanische Abtötung der Schadorganismen
bzw. durch Brutraum- oder Nahrungsentzug (Absammeln, Verbrennen, Entrinden,
Zerhacken, Abfuhr befallenen Materials, mechanische Barrieren u.a.).

Chemische Verfahren
. Einsatz von chemischen Wirkstoffen (Pflanzenschutzmittel) zur Abtötung
(Pestizide) oder Abhaltung (Repellents) von Schadorganismen.
. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist immer das letzte Mittel ("ultima ratio")
zur Abwendung eines bestandesbedrohenden Schädlingsbefalls, sofern
geeignete Pflanzenschutzmittel zur Verfügung stehen. Der Anwendung geht stets
eine Risikoeinschätzung voraus und es erfolgt nach der Anwendung eine
Erfolgskontrolle.

Organisatorische Maßnahmen
. Ein wichtiges Element zur Optimierung des Verkaufes und des Holzflusses ist der
Abschluss von Lieferverträgen und die Festlegung von Liefermengen pro
Zeiteinheit (in der Regel Quartal). Damit ist sichergestellt, dass der potentielle
Kunde vor Hiebsbeginn bekannt und der Holzfluss gewährleistet ist. Die Definition
von Bereitstellungszeiträumen und Abfuhrfristen führt zu einem hohen Maß an
Berechenbarkeit.
. Das Beschicken von Nasslagerplätzen im Regelbetrieb und Katastrophenfall führt
zu einer Glattung des Lieferprofiles, zum Schutz des Holzes vor Schädlings- und
Pilzbefall sowie zur Minimierung des Forstschutzrisikos. Gegenüber chemischem
Holz- bzw. Forstschutz ergeben sich bei der Nasslagerung zwar höhere Kosten,
jedoch auch die besten Synergieeffekte.

Beispiele: Integrierte Bekämpfung von Borkenkäfern





Quelle: AID 2008

Umsetzung des Integrierten Waldschutzes
. Beratung bzw. Information aller Waldbesitzer durch die Forstdienststellen von
ForstBW uber alle verfügbaren Medien (Printmedien, Internet)
. Freiwillige innerbetriebliche Regelungen zur Einschränkung des PSM-Einsatzes
. Verzicht auf Einsatz von Pflanzenschutzmittel unter Inkaufnahme ökonomischer
Verluste
. ForstBW: Freiwilliger Verzicht auf Herbizide, Fungizide und Rodentizide im
Staatsforstbetrieb
. Zertifizierung (FSC, PEFC)

Indikatoren fur die Erfolgskontrolle zum Integrierten Waldschutz
Überprufung statistischer Daten zu
. Gesundheitszustand des Waldes
. Entwicklung der zufalligen Nutzungen (ZN-Statistik)
. Entwicklung der Schadflächen fur relevanten Schaderreger (jährliche
Schädlingsmeldung)
. Entwicklung des Verbrauchs an chemischen Pflanzenschutzmitteln
. Behandlungsflächen/-mengen (z. B.: Staatswald BW)
. Entwicklung der Waldschutzkosten

Weiterentwicklung des Integrierten Waldschutzes
Begünstigende Faktoren
. Förderung des naturnahen Waldbaus - Erhöhung der Biodiversität und
Stabilität
. Verbesserung der Prognoseverfahren fur Schadorganismen
. Verbesserung der Kenntnisse uber die Reaktionen der Bäume/Bestände auf
Schädlingsbefall (-> verbesserte Risikoeinschätzung)
. Verbesserung der Kenntnisse uber Gradationsverläufe (Massenwechsel):
. (verbesserte Risikoeinschätzung)
. Verbesserung der Information und Kommunikation zwischen Speziallisten (z.
B. FVA) und Forstdienststellen/Waldbesitzern (z. B. E-Mail, Internet)
-> Schnelle Verfugbarkeit aktueller Entscheidungshilfen

Kontraproduktive Faktoren
. Seitens der Industrie: Kein Interesse an der Entwicklung selektiv wirkender
Pflanzenschutzmittel (hohe Entwicklungskosten bei kleinem Markt)
. Seitens der Forstverwaltung: Personaleinsparungen führen zur Reduktion von
fach- und ortkundigem Personal für Überwachung und Prognose und
gegebenenfalls Bekämpfung auf der Fläche.
. Totholz- und Stilllegungsflächen sind häufig kontraproduktiv für die Waldhygiene,
die ein wichtiger Bestandteil des Integrierten Waldschutzes ist. Deswegen
müssen bei deren Ausweisung Waldschutz-Risiken dringend beachtet werden.

Fazit
Der integrierte Waldschutz ist gesetzlich vorgegeben und wird in der Forstwirtschaft
in Baden-Württemberg praktiziert. Er ist ein dynamischer Prozess, der den
ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Anforderungen an den Wald und
an die Forstwirtschaft in Forschung und Praxis Rechnung tragen muss.

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