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Lichte, offene Wälder

Offenhaltung durch Bewirtschaftung, Niederwald- und Mittelwaldwirtschaft

von Ulrich Ade am 28.03.2012 | 21:28 | Kommentare: 3 |

Im parktischen Naturschutz mache ich seit ca. 40 Jahren die Erfahrung, daß das Hauptproblem für seltene Pflanzen- Und Tierarten das Fehlen ausreichend großer offener Wälder ist. Viele seltene Arten in unserer Region sind in den letzten Jahrzehnten verschwunden, weil einfach die einst offenen Waldgebiete zugewachsen oder die Waldböden verbuscht sind. Beispiele sind das kriechende Netzblatt, der Frauenschuh, die Korallenwurz, die Türkenbundlilie, Ackelei und mehrere Bärlapparten. Diese Pflanzen und auch viele Falterarten brauchen offene, hallenartige lichtdurchflutete Wälder mit mehr oder weniger offenen Bodenflächen. Diese offenen Bodenflächen entstehen aber nur durch entsprechende Nutzung, da es die großen Tiere (Z.B. Auerochse), die diese Flächen vor dem Menschen offen gehalten haben, seit langer Zeit nicht mehr gibt.
Waldrevervate ohne Bewirtschaftung (Bannwälder) sind sicher ebenfalls für viele Arten gut. Aber ein großer Teil der heute ganz vorne auf den Roten Listen geführten Arten sind auf entsprechend bewirtschaftete Wälder angewiesen. Dringend notwendig wäre die Wiedereinführung der Nieder- und Mittelwaldwirtschaft auf 10 - 20 % der Flächen. Ein gutes Beispiel dafür ist das vom Aussterben bedrohte Waldwiesenvögelein (Coenonympha hero), für welches wir seit Jahren die Ausweisung eines Naturschutzgebietes fordern, nur um eine für diese Art angepasste Bewirtschaftungsform zu erreichen.
Wichtig ist die Vielfalt der verschiedenen Waldarten, die vom ausgesprochenen Dunkelwald (z.B. für Moose und Bärlappe) bis zum ganz offenen und lichtdurchfluteten Waldwiesen-Wald reichen muß, wie es ihn z.B. im Mittelalter durch die Waldweide gab. Für jede Waldform gibt es teilweise seltene Arten, die darauf angewiesen sind.
Ein heftiges Problem von teilweise intensiven Wirtschaftswäldern (wie sie z.B. auch innerhalb des Schönbuches vorhanden sind) ist der Sachverhalt, daß die Abfälle der Holzernte in Form von dicken und dünnen Ästen meist einfach auf dem Waldboden liegen gelassen werden. An manchen Stellen sind diese Holzabfälle bis zu einem Meter hoch und und bedecken hunderte von Qudratmetern. An solchen Stellen können keine anspruchsvollen Waldbodenpflanzen mehr gedeihen und auch größere Tiere haben Probleme, sich zu bewegen. Dadurch sind beispielweise die letzten größeren Bärlappbestände in unserem Landkreis zugrunde gegangen. Durch diese Bedeckung des Waldbodens gehen viele Quadratkilometer wertvollen Lebensraumes für Waldbodenbewohner verloren.
Es sollte dringend eine Möglichkeit gefunden werden, daß diese Holzabfälle verwertet und damit vom Waldboden abgeräumt werden. In früheren Jahrzehnten wurde dieses Restholz komplett abgeräumt und als Brennholz genutzt. Gibt es keine Möglichkeit, dieses Holz z.B. für die Herstellung von Holzpellets zu nutzen. Ulrich Ade Sprecher LNV-Arbeitskreis Böblingen

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  Kommentare
Dr. Joachim Rock am 29.03.2012 23:56:00

Sehr geehrter Herr Ade,

ich habe den Eindruck, Sie verstehen unter Abfallholz etwas anderes als ich. Ich meinte das nach einer Durchforstung / Erntemaßnahme zurückbleibende Astholz und Reisig, welches einen großen Teil der in einem Baum gebundenen Nährstoffe enthält und deshalb im normalen Wirtschaftswald auf der Fläche belassen werden sollte. Dieses bildet aber normalerweise keine Teppiche oder liegt auf riesigen Flächen, zumindest nicht im Laubholz. Ich kann mir allerdings auch Situationen vorstellen, in denen die Bodenflora extrem in Mitleidenschaft gezogen wird. Da wir hier keine Bilder zeigen können ist die Diskussion darüber jedoch schwierig.

Sie haben aber dankenswerterweise einen wichtigen Punkt aufgebracht: durch Stickstoffeinträge und andere Depositionen werden die Standorte aufgedüngt und durch lange Zeiten der anthropogenen Aushagerung (Streunutzung etc.) entstandene nährstoffarme Standorte verschwinden wieder. Für die Waldbewirtschaftung ist das überwiegend positiv, aber für viele Arten nicht und das übersehen wir gerne. In einigen unserer Flechten-Kiefernwälder wurden deshalb sehr starke Eingriffe in der Erstdurchforstung mit Hackschnitzelharvestern durchgeführt - von Naturschützern. Im Rahmen der WNS müßte deshalb auch erfasst und darüber nachgedacht werden, auf welchen Standorten (undmit welcher Fläche) entsprechende Aushagerungen toleriert werden können oder aktiv betrieben werden müssten.

Mit freundlichen Grüßen,

Joachim Rock

Ulrich Ade am 29.03.2012 23:18:57

Sehr geehrter Herr Dr. Rock,
dem ersten Satz Ihres Kommentars muß ich entschieden widersprechen. Das liegenlassen von Abfallholz zum Zweck der Nährstoffnachhaltigkeit schadet dem Naturhaushalt mehr als es ihm nützt. Auch ich zähle mich zu den Freunden der Totholzfauna- und flora. Aber an solchen Stellen können sich nicht einmal mehr die ehemals vorhandenen Vorkommen höherer Pilzarten halten. Wertvoll sind allerdings sehr wohl einzelne Restholzhaufen sowie stehen gelassene abgestorbene Bäume.
Aber in den oft riesengroßen Flächen, die von Abfallholz bedeckt sind, kann sich einfach gar nichts mehr halten bwz. entwickeln. Das werden reine Waldboden-Wüsten. Dies gilt gleichermaßen für Laub- als auch für Nadelwälder. Besonders gehölz- und abfallholzfreie Nadelwälder beherbergen manchmal (leider sehr selten) wahre Naturschätze (z.B. Korallenwurz oder Widerbart).
Genauso wie im Offenland sind magere Standorte (z.B. Heiden und Weiden) auch im Wald Zentren der Artenvielfalt. Sogenannte "Wuchsstockungen" beherbergen meist das vielfache an Art wie der umgebende normale Wald. In unserer Region kamen an solchen Stellen z.B. mitten im Wald Fliegenragwurz, Mückenhändelwurz und Echte Sumpfwurz vor, Arten die sonst nur im Offenland siedeln. Inzwischen sind fast alle diese Stellen verschwunden, weil sie aufgedüngt wurden oder eben einfach Abfallholz darauf gelagert wurde. Auch das letzte Vorkommen des Kriechenden Netzblattes im Kreis Böblingen ist infolge Verbuschung und gleichzeitiger Abfallholzlagerung auf dieser Art und Weise erloschen. Pflegemaßnahmen in letzer Minute blieben leider erfolglos.
Wenn Naturschutz im Wald gefördert werden soll, dann müssen gerade Magerstandorte im Wald wieder hergestellt werden bzw. solche Standorte neu geschaffen werden. Düngung durch das liegenlassen von Abfallholz bewirkt genau das Gegenteil.
Erlauben Sie mir noch eine Antwort zu Ihrem letzten Satz: sicher sind Verhaue ein wichtiges Element der Naturverjüngung und auch Deckung für Wildtiere. Nur sollten dieser Verhaue eben nicht überall sein. Wichtig wäre eine ausgeglichene Vielfalt der verschiedenen Formen der Waldbodenbedeckung. Und offene, hallenartige Wälder mit offenen Böden gibt es in unserer Region einfach zu wenig.
Ulrich Ade

Dr. Joachim Rock am 28.03.2012 21:53:45

Sehr geehrter Herr Ade,

dieses (dünne) Holz ist auf vielen Standorten aus Gründen der Nährstoffnachhaltigkeit besser zu belassen und die Freunde der Totholzfauna und -flora freuen sich über seinen Verbleib. Im Rahmen einer umfassenden Naturschutzstrategie ist Ihr Hinweisen auf die Arten, die offene Strukturen benötigen gut und richtig. Ich werte ihn als weiteres Argument für ein entsprechendes Monitoring und Management.

Die von Ihnen angesprochene Verhauwirkung ist übrigens in einer Weidelandschaft (Hutewald) ein wichtiges Element der Baumverjüngung.

MfG

Joachim Rock

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