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Lichte, offene Wälder

Lichte, offene Wälder - Artenschutzfachliche Anforderungen an Beispielen hochgradig gefährdeter Tagfalter

von Gabriel Hermann am 29.03.2012 | 19:45 | Kommentare: 2 |

Lichte, offene Wälder sind im heimischen Wald die Zentren der Artenvielfalt schlechthin. Insoweit ist es sehr erfreulich, dass sie jetzt endlich auch zu einem Schwerpunktthema des landesweiten Waldnaturschutzes erhoben worden sind. Die Vorkommen der "echten" Lichtwaldarten, d. h. solcher die nicht zusätzlich in reinen Offenlandbiotopen leben können, liegen ganz oder mit wichtigen Anteilen auf Flächen im Zuständigkeitsbereich der Forstverwaltung. Mithin kommt den Forstverwaltungen fast die komplette Schutzverantwortung für diese Arten zu — sie sind damit eine der "Messlatten" dafür, ob Maßnahmen, die zur Entstehung lichter, offener Wälder umgesetzt werden, sinnvoll und erfolgreich sind.
Welche Anforderungen sind aber an Konzepte und Maßnahmen zu stellen, wenn diese die prekäre Bestandssituation der heimischen Lichtwaldfauna wirklich verbessern und damit einen relevanten Beitrag zum Arten- und Biodiversitätsschutz im Wald leisten sollen? Dies sei im Folgenden am Beispiel zweier Tagfalterarten veranschaulicht, mit denen sich der Verfasser seit den 1990er-Jahren intensiv beschäftigt. Beide sind im Zielartenkonzept des Landes Baden-Württemberg als so genannte "Landesarten" klassifiziert. Es sind also Arten, deren Bestandssicherung in Baden-Württemberg höchste Priorität hat.
Der Blauschwarze Eisvogel (Limenitis reducta) ist eine extrem rückläufige Edelfalterart, die in der neuen Roten Liste der Tagfalter Deutschlands (REINHARDT & BOLZ, im Druck) erstmals in die höchste Kategorie noch vorkommender Arten aufgenommen werden musste ("vom Aussterben bedroht"). Die Fortpflanzung ist an gut besonnte Massenbestände der Roten Heckenkirsche (Lonicera xylosteum) gebunden, eines typischen "Kahlschlaggehölzes" basenreicher Standorte. In Deutschland beschränken sich die Vorkommen dieser Falterart inzwischen ausschließlich auf das Bundesland Baden-Württemberg, das somit die alleinige Schutzverantwortung für den bundesweiten Art-Erhalt trägt. Bodenständige Populationen gibt es nur noch im Naturraum Schwäbische Alb, dort mit weitestgehender Beschränkung auf Wälder mittlerer bis trockener Standorte. Dass die Art in Baden-Württemberg noch vorkommt, verdankt sie jedoch nicht den Anstrengungen des Naturschutzes oder der Landesforstverwaltung, sondern in erster Linie einem meteorologischen Zufallsprodukt namens "Lothar". Dieser Orkan schuf im Dezember 1999 zahlreiche neue Lichtungen, auf denen sich die Rote Heckenkirsche zahlreich an vollsonnigen Standorten entwickeln konnte. Einige Dutzend dieser neuen Lebensräume sind in der Folgezeit - zumindest kurzzeitig - vom Blauschwarzen Eisvogel besiedelt worden. Zwischenzeitlich jedoch ist ein großer Teil der Vorkommen durch Sukzession und Beschattung der Heckenkirschen wieder verschwunden. In "kahlschlagfreien Zeiten" wäre ein neuer Orkan wohl die einzige Chance, um den endgültigen Zusammenbruch zu vermeiden. Ein verantwortungsbewusster Wald-Naturschutz kann es bei einer derart bedrohten Art aber nicht erneut auf den Zufall ankommen lassen. Handlungsbedarf ist dringend geboten, wenn diese letzte Populationsgruppe in den nächsten 10 Jahren nicht dasselbe Schicksal ereilen soll, wie die bereits ausgestorbenen Vorkommen der Art im Hegau, im Baar-Wutachgebiet, am Oberrhein, im Saarland, am Mittelrhein und in Südbayern.
Weil die natürliche Sterblichkeit der Entwicklungsstadien außerordentlich hoch und — dementsprechend — Fortpflanzungsrate und Siedlungsdichte des Falters auf den meisten Flächen extrem gering sind, bietet nur ein großräumig-engmaschiges Habitatnetz, wie es 1999 der Orkan Lothar erzeugte, hinreichende Überlebenschancen. In historischer Zeit garantierten Niederwaldnutzung und Kahlschlagwirtschaft das Überleben des Blauschwarzen Eisvogels. Um die Art in Deutschland zu erhalten, müsste Niederwald oder eine niederwaldähnliche Nutzung in denjenigen Teilen der Schwäbischen Alb wieder aufgenommen werden, in denen derzeit noch Vorkommen existieren. Mit ein paar kleinen Pflegeflächen wird es indessen nicht getan sein. Als grobe Orientierung für den Flächenbedarf sind — bezogen auf das gegenwärtige Restareal des Falters, das noch 20-30 Messtischblätter der mittleren und südwestlichen Schwäbischen Alb einschließt — neue Habitate im Umfang von rund 20 ha pro Messtischblatt zu veranschlagen. Kleinkahlschläge < 1 ha helfen nicht weiter. Erforderlich sind in der Regel Einzelschlag-Flächen zwischen 2-3 ha Größe. Neben einer ausreichenden Zahl und Größe der Maßnahmenflächen ist deren zeitliche Kontinuität entscheidend. Im rotierenden Nutzungssystem müssen die Maßnahmenflächen keineswegs der forstlichen Bewirtschaftung entzogen werden. Zu vermeiden sind jedoch Wiederaufforstung mit raschwüchsigen Baumarten und Jungbestandspflege auf Kosten der Roten Heckenkirsche. Von Maßnahmen zugunsten der Zielart Blauschwarzer Eisvogel würden auf der Schwäbischen Alb zahlreiche andere schutzbedürftige Arten profitieren, unter den Schmetterlingen beispielsweise Wegerichbär (Parasemia plantaginis), Silberfleck-Perlmutterfalter (Boloria euphrosyne) und Platterbsen-Widderchen (Zygaena osterodensis), alles ebenfalls gefährdete Lichtwaldbewohner. Erhebliche Beeinträchtigungen bestandsgefährdeter Arten sind dagegen durch sachgerechte Wahl der Maßnahmenflächen auszuschließen.
Ein zweites Beispiel: Beim Braunen Eichenzipfelfalter (Satyrium ilicis) handelt es sich um eine Bläulingsart, die bundesweit stark gefährdet, in Baden-Württemberg dagegen bereits vom Aussterben bedroht ist. Den Raupen-Lebensraum bilden junge, noch bodennah beastete Stiel- und Traubeneichen einschließlich niedriger Stamm- und Stockausschläge. Die wärmebedürftige Raupe entwickelt sich nur an gut besonnten Zweigen in geringer Bodenhöhe (bis maximal 2 m). Spätestens mit Erreichen des Stangenholzalters verlieren Eichenbestände ihre Eignung als Lebensraum. Der Braune Eichenzipfelfalter überlebt nur dort, wo das als Habitat nutzbare Sukzessionssstadium kontinuierlich und in einem räumlichen Verbund verfügbar ist. Eine spontane Besiedlung neuer Habitate findet etwa im Radius von 1-2 km um bestehende Habitate statt. Weiter entfernte Flächen werden nicht oder erst nach Jahren über "Trittstein-Habitate" erreicht. In Baden-Württemberg sind Vorkommen des einst weit verbreiteten Falters derzeit nur noch aus drei eng begrenzten Räumen nachgewiesen, aus der "Trockenaue" am südlichen Oberrhein, dem östlichen Schönbuch und der Ostalb. Die Populationen der beiden letztgenannten Räume verdanken ihr (bisheriges) Überleben dem Orkan "Lothar" und nachfolgender Wiederaufforstung der Kahlflächen mit heimischen Eichen. In der Trockenaue konnte die Art dagegen durch die in Qualität und Umfang bislang wohl beispiellose Einführung einer mittelwaldähnlichen Naturschutzpflege vor dem Verschwinden bewahrt werden. Während dort der Fortbestand durch Weiterführung der Maßnahmen gesichert scheint, sind die Vorkommen des Schönbuchs und der Ostalb durch Sukzession und gleichzeitiges Fehlen habitatprägender Waldnutzungen vom Erlöschen bedroht.
Der extreme Bestandsrückgang des Falters während der letzten 50 Jahre ist ohne Zweifel das Ergebnis geänderter Waldnutzung. Hauptursache ist dabei die nahezu vollständige Abschaffung größerer Kahlhiebe (Nieder-, Mittelwald, Kahlschlag) mit darauf folgender Eichenverjüngung. Sowohl der Orkan Lothar, wie auch erfolgreiche Naturschutzmaßnahmen am Oberrhein haben bewiesen, dass sich die Bestände der Art rasch erholen, sobald geeignete Habitate im Umfeld noch vorhandener neu entstehen. Wo dies allerdings dem Zufall überlassen bleibt, sind die Überlebenschancen unter heutigen Rahmenbedingungen außerordentlich gering, wie aus zahlreichen Beispielen erloschener Vorkommen zu folgern ist (z. B. Freiburger Mooswälder, nördlicher Oberrhein, Stromberg, Glemswald, Schwäbisch-Fränkische Waldberge, Tauberland, Bodenseebecken).
In den letzten Vorkommensgebieten des Braunen Eichenzipfelfalters, insbesondere im Schönbuch und auf der Ostalb, sind dringend ähnliche Nutzungskonzepte zu entwickeln und umzusetzen, wie oben für den Blauschwarzen Eisvogel skizziert. Entscheidend wäre auch hier, dass nicht isolierte Einzelschläge, sondern Netzwerke aus geeigneten Habitaten geschaffen werden. Besiedelbar sind Schlagflächen ab 1 ha Größe, optimal Flächen ab 2 ha. Die für die Habitateignung unabdingbare Eichen-Verjüngung darf nur unter Verwendung heimischer Arten erfolgen (Quercus robur, Q. petraea); Beispiele für eine Nutzung der Roteiche (Q. rubra) sind nicht bekannt. Übermäßigem Verbissdruck auf Jungeichenbestände ist durch Zäunung zu begegnen. Die Eiablage der Art erfolgt fast ausschließlich im unteren, bodennahen Stammbereich. Jungeichen, deren Stämme mit Plastikröhren vor Verbiss geschützt sind, scheiden zur Fortpflanzung des Falters aus.
Fazit: Was zeigen die vorgestellten Art-Beispiele und welche Konsequenzen ergeben sich im Hinblick auf naturschutzorientierte Entwicklungsszenarien und Maßnahmen für den "lichten, offenen Wald"? Beide Falterarten sind klassische Vertreter jener Waldarten ("Lichtwaldarten"), denen durch großflächige Umsetzung des Kahlschlagverbots sowie Plenterung und Einzelstammentnahme die Lebensgrundlage entzogen wird. Die spezifischen Habitate der Lichtwaldarten sind in den meisten Fällen weder standörtlich, noch anhand einer bestimmten Waldgesellschaft charakterisiert. Sie sind dann auch nicht in Waldbiotopkartierungen oder Forsteinrichtungen erfasst. Vielmehr handelt es sich in den meisten Fällen um Sukzessionsstadien spezifischer Ausprägungen, die allein im Zuge bestimmter "Stör-Ereignisse" entstehen. Letztere fehlen üblicherweise im naturnah bewirtschafteten Wald. Mindestens aber werden sie gezielt vermieden (Kahlschlag) oder verhütet (Sturmwurf, Insektenkalamitäten). Ein nachhaltiger Schutz der Lichtwaldarten und ihrer Habitate kann aber in vielen Fällen nur dann erfolgreich sein, wenn derartige "Stör-Zustände" wieder in forstliche Nutzungssysteme integriert werden. Die obigen Beispiele stehen stellvertretend für zwei wichtige Habitat- und Anforderungsprofile gefährdeter Lichtwaldarten. Andere bedürfen zusätzlicher Maßnahmen oder sind in anderen Naturräumen umzusetzen, um ihre "Adressaten" noch erreichen zu können. Entsprechendes Fachwissen liegt in ausreichendem Umfang vor und könnte entsprechend aufbereitet werden. Verwiesen sei dabei auch auf das eingangs bereits erwähnte Zielartenkonzept des Landes Baden-Württemberg, in dem die für hochgradig gefährdete Arten relevanten Naturräume abrufbar sind. Es ist an der Zeit, dass die Forstverwaltung sich dieses Wissens bedient, Konzepte auch zum Schutz der Lichtwaldarten entwickelt und konsequent danach handelt.

Gabriel Hermann

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  Kommentare
Gabriel Hermann am 30.03.2012 6:17:08

Sehr geehrter Herr Enssle,

> vielen Dank für die kompetenten Ausfürhungen. Doch warum muss man Eichenwälder zäunen um sie vor Verbissdruck zu schützen?

Man muss junge Eichenkulturen nicht in jedem Fall gegen Wildverbiss zäunen oder anderweitig schützen. Es gibt aber Gebiete, in denen der Verbissdruck auf Jungeichen so vehement ist, dass diese ohne Gegenmaßnahmen binnen weniger Jahre ganz absterben. Und wenn in solchen Gebieten Satyrium ilicis eine vorrangige Zielart ist - wie etwa in Teilen des Schönbuchs - dann muss gezäunt oder anderweitig reagiert werden, denn mit toten Eichenbüschen fängt diese Art nichts an. Von einer pauschalen Forderung nach Verbissschutz ist in meinem Beitrag nicht die Rede. Entscheidend ist der Einzelfall.

Mit freundlichen Grüßen
Gabriel Hermann

Johannes Enssle am 29.03.2012 23:43:38

Lieber Herr Hermann,

vielen Dank für die kompetenten Ausfürhungen. Doch warum muss man Eichenwälder zäunen um sie vor Verbissdruck zu schützen?

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