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Lichte, offene Wälder

Gezielte Förderung hochgradig gefährdeter Lichtwaldarten

von Sabine Geißler-Strobel am 30.03.2012 | 11:12 | Kommentare: 2 |

Die geplante Förderung von Lichtwaldstrukturen ist ein wichtiger Schritt für den Waldnaturschutz, angesichts der prekären Lage und extremen Verinselung der letzten Vorkommen zahlreicher Lichtwaldarten sollten diese Maßnahmen räumlich und inhaltlich aber vorrangig gezielt auf diese Vorkommen fokussieren.

Als „Lichtwaldarten“ werden solche Arten bezeichnet, die in der heutigen Kulturlandschaft einen deutlichen Siedlungsschwerpunkt auf Waldlichtungen oder in offenen, vielfach mageren Wäldern mit ausgeprägten Waldinnensaum- und -mantelstrukturen aufweisen (vgl. HERMANN & STEINER 2000). Entsprechende Waldstrukturen — und mit ihnen die Lichtwaldarten — waren in Baden-Württemberg über Jahrhunderte durch Austragsnutzungen wie Streugewinnung, Waldweide, Nieder- und Mittelwald weitest verbreitet. Die heutige Bestandessituation der „Lichtwaldarten“ insgesamt — nicht nur einzelner Arten (!) — ist in Baden-Württemberg als dramatisch zu bezeichnen. Es sind zahlreiche vom Aussterben bedrohte Arten betroffen, die auch im „Zielartenkonzept Baden-Württemberg“ ZAK (RECK et al. 1996) mit der höchsten Schutzpriorität (Landesart Gruppe A) eingestuft wurden.
Betroffen sind u. a. folgende in Baden-Württemberg vom Aussterben bedrohte oder stark gefährdete Zielarten Baden-Württembergs mit Siedlungsschwerpunkt oder ausschließlichen Vorkommen in Wäldern: Auerhuhn, Berglaubsänger, Haselhuhn, Heidelerche, Zippammer, Ziegenmelker, Aspisviper, Äskulapnatter, Kreuzotter, Elegans-Widderchen (Zygaena angelicae elegans), Weißer Waldpotier (Brintesia circe), Alpen-Perlmutterfalter (Boloria thore), Wald-Wiesenvögelchen (Coenonympha hero), Großer Eisvogel (Limenits populi), Gelbringfalter (Lopinga achine), Blauschwarzer Eisvogel (Limenitis reducta), GinsterBläuling (Plebeius idas), Blauschillernder Feuerfalter (Lycaena helle), Schwarzer Apollofalter (Parnassius mnemosyne), Eichen-Zipfelfalter (Satyrium ilicis), Dünen-Pelzbiene (Anthophora bimaculata), Heide-Sandlaufkäfer (Cicindela sylvatica), Großer Puppenräuber (Calosoma sycophanta), Großer Eichenbock (Cerambyx cerdo) und Marianen-Prachtkäfer (Chalcophora mariana).
Darunter sind mehrere Arten, für die Baden-Württemberg auch aus nationaler oder internationaler Sicht eine besondere Schutzverantwortung aufgrund der restriktiven Gesamtverbreitung dieser Arten zukommt, z.B. für das Elegans-Widderchen oder den Blauschwarzen Eisvogel.
Durch das bisherige Konzept des „naturnahen Waldbaus“ wurden Lichtwaldarten nicht gefördert, die Meisten von ihnen vielmehr massiv beeinträchtigt. Insbesondere das generelle Kahlschlag-Verbot verhindert eine wiederkehrende Neuentstehung geeigneter Habitatstrukturen, die für den langfristigen Erhalt der Lichtwaldarten zwingend erforderlich wäre.
Die Sicherung der verbliebenen Vorkommen vom Aussterben bedrohter Lichtwaldarten, aber auch die für den langfristigen Erhalt der Arten in vielen Fällen erforderliche deutliche Wiederausdehnung erfordert eine Ergänzung des Konzepts „naturnaher Waldbau“ durch Elemente wie Niederwald, Mittelwald, Waldweide, Streunutzung oder Kahlhieb auf raum-zeitlich wechselnden Flächen.

Die Umsetzung dieser Maßnahmen muss zunächst vorrangig im Umfeld der noch vorhandenen Reliktvorkommen dieser Zielarten erfolgen. Erste, im Rahmen der landesweiten Artenschutzprogramme in Zusammenarbeit mit der Forstverwaltung initiierte Maßnahmen (z. B. zum Schwarzen Apollofalter) zeigen Teilerfolge auf lokaler Ebene, sind aber bei weitem nicht ausreichend um den landesweiten Rückgang aufzuhalten. Der Erhalt dieser Arten erfordert ein gezieltes Schutzprogramm als weiteren Schwerpunkt des Waldnaturschutzes. Dringend erforderlich ist deshalb — in Ergänzung zum Alt- und Totholzprogramm - Mindestflächenanteile relevanter Lichtwaldstrukturen, darüber hinaus aber ein gezieltes Schutzprogramm für hochgradig bedrohte Lichtwaldarten.

Dabei sollte auch das Informationssystem Zielartenkonzept Baden-Württemberg zur Anwendung kommen. Aufgrund des massiven Schwundes und der hochgradigen Gefährdung betreffender Arten wurde ein Teil des Maßnahmenkonzepts im Informationssystem ZAK (s.  Link den Waldentwicklungsmaßnahmen gewidmet, um das vorhandene Wissen für künftige Naturschutzplanungen im Forst verfügbar zu machen. Das dort, im landesweiten Artenschutzprogramm und bei Experten verfügbare Wissen zur aktuellen Bestandssituation dieser hochgradig bedrohten Zielarten könnte in ein landesweites Zielarten- und Maßnahmenkonzept "Lichtwaldarten" mit konkreten Maßnahmenvorschlägen und Flächenkulissen für die vorrangige Umsetzung integriert werden.

Darüber hinaus sollten, vergleichbar mit dem Totholzkonzept in jedem Wald auch Mindestanteile von mageren Lichtwaldstrukturen geschaffen werden (s. Mindeststandards Wald im Leitfaden zum Informationssystem Zielartenkonzept Baden-Württemberg,  Link Dabei können Synergieeffekte mit der Energieholzgewinnung erprobt und ggf. genutzt werden.

Über die bereits formulierten Ziele zum Waldnaturschutz für Lichtwaldarten hinaus würde dies noch folgendes erfordern:
zur Sicherung der vom Aussterben bedrohten und ggf. weiterer stark gefährdeter Zielarten Baden-Württembergs:
• Erstellung einer Flächenkulisse für Feuerwehrmaßnahmen zur umgehenden Sicherung und Wiederausdehnung der letzten Vorkommen hochgradig gefährdeter Lichtwaldarten mit konsequenter Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen
• In artenschutzfachlich begründeten Fällen müssten auch größere Kahlschläge ermöglicht werden (z. B. zum Schutz von Ziegenmelker und Heidelerche in Sandkiefernwäldern des Oberrheingrabens)

zur generellen Förderung der Lichtwaldarten
• Ergänzung der bisherigen Naturschutzstrategien für Wälder (“ Naturnaher Waldbau, „Alt- und Totholzkonzept) um ein weiteres Konzept zum umfassenden Schutz der Lichtwaldarten - Förderung von Niederwald-, Hude- und Mittelwaldbewirtschaftungen, mageren gut besonnten Säumen entlang breiter Forstwege, mageren Lichtungen, gezielten Kahlschlägen zur Eichenverjüngung auf ca. 4 % der Waldfläche im Sinne der Mindeststandards des Zielartenkonzepts BadenWürttemberg für Wälder (  Link )
• Pilotprojekte zur Erforschung möglicher Synergieeffekte zwischen Konzepten für Lichtwaldarten (z. B. Niederwald) und Energieholzgewinnung.

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  Kommentare
Dr. Joachim Rock am 30.03.2012 17:57:41

Kurz und knapp: Zusammenarbeit der Fachleute auf der Basis einer GEsamtkonzeption, die Sonderwege durchaus zuläßt und absichert. Die von Ihnen angesprochenen Leute können dann ignoriert werden, wenn das eigene Netz (o.a. Experten) fachlich kompetenter ist und das auch nachweisen kann.

MfG

Joachim Rock

ABL SH am 30.03.2012 17:51:47

Liebe Frau Geißler-Strobel,

neben einer Vielzahl eher allgemein gehaltener Beiträgen in diesem Forum fehlt es bisher an solchen, welche die eigentlichen Zielobjekte eines fachlich fundierten Naturschutzes beim Namen nennen: die gefährdeten Arten. Dafür dass Sie dies in Ihrem Beitrag konsequent und kompetent tun, möchte ich Ihnen herzlich danken. Viele der oft kontrovers und mitunter heftig geführten Diskussionen um Standards, Prozentanteile von Baumarten und Waldtypen, Bann- und "Naturwaldanteilen" etc. würden sich oft recht schnell erübrigen, wenn man sich von den gefährdeten und schutzbedürftigen Arten leiten ließe. Diese sind schließlich gewissermaßen "Spiegel der Landschaftsgeschichte", mithin ergibt sich aus deren Bedürfnissen und Habitatansprüchen von selbst was wo zu tun und zu lassen ist - resp. wo Eingriffe in Form von Austragsnutzungen (also Schaffung von Mittelwaldstrukturen, Niederwaldnutzung und eben auch Kahlschläge) nötig sind und wo "urwaldähnliche Zustände" eine landschaftsgeschichtliche Tradition haben und zu bewahren oder zu befördern sind.
Aus eigener Erfahrung als Umsetzer des Artenschutzprogramms Schmetterlinge im RB Freiburg kann ich etwa zum von Ihnen genannten Schwarzen Apollo (Parnassius mnemosyne) sagen, dass die Zusammenarbeit mit der örtlichen Forstverwaltung sehr gut funktioniert, nachdem erkannt wurde welchen immensen und für alle wahrnehmbaren Effekt fachlich fundierte und von qualifizierten Kräften vor Ort durchgeführte Maßnahmen auf die Falterbestände haben. Bei dem vielleicht größten Kleinod unter den baden-württembergischen Lichtwald-Arten, dem auf Unterart-Niveau für die Schwäbische Alb endemischen Elegans-Widderchen, sind beim landesweit wichtigsten Vorkommen in enger Zusammenarbeit mit der Forstverwaltung Maßnahmen bis ins Detail vorbereitet worden, die - wenn alles gutgeht - noch in diesem (Früh)jahr zum Abschluss kommen werden.
Was dem vom "Naturschutz" kommenden Artenschutz-Praktiker allerdings oft die Arbeit erschwert ist folgender Umstand: Die örtlichen forstlichen Stellen sind vielfach verunsichert durch die meist kategorisch und kompromisslos vorgetragenen Forderungen nach Nutzungs- und insbesondere Kahlschlagsverboten durch Institutionen und Organisationen, die allgemein als Repräsentanten des Naturschutzes wahrgenommen werden - in diesem Forum s. z.B. heutiger Kommentar von Greenpeace zu den ForstBW-Zielen.
Welche Möglichkeiten sehen Sie (oder andere Forumsteilnehmer), hier die Diskussion zu versachlichen bzw. differenzierter zu führen, so dass in einem partnerschaftlichen Miteinander die dringend notwendigen Maßnahmen schnell und reibungslos zur Umsetzung gelangen können?

Stefan Hafner
Zähringerweg 7
79843 Löffingen
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