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Hinweise / fehlende Aspekte

Wild und Jagd differenziert betrachten

von Erhard Jauch am 28.03.2012 | 14:57 | Kommentare: 7 |

Herzlichen Dank für die Möglichkeit, sich zum Thema „Gesamtkonzeption Waldnaturschutz ForstBW“ äußern zu können.

Vorbemerkung:
Die Art und Weise der Beteiligung ist ein neuer Weg, Vorhaben darzustellen, offen zur Diskussion zu stellen und externe Meinungen und externen Sachverstand dazu einzuholen. Die Vielzahl der Beiträge und die — mit ganz wenigen Ausnahmen — sehr sachliche Auseinandersetzung zeigt, dass mit dieser neuen Art der „Beteiligungskultur“, recht viel Transparenz und eine intensive Auseinandersetzung mit den Themen erreicht wird.
Fazit: Das Ganze ist noch etwas ungewohnt, aber ein guter Versuch, breite Beteiligung und Transparenz zu erreichen.

Thema „Jagd“:
In einem Beitrag (Enssle) wird bemängelt, dass das Thema „Jagd“ nicht erwähnt wird.
Das ist auch uns als Landesjagdverband aufgefallen. Aus unserer Sicht wollen wir dazu folgendes kurz anmerken:
1. Jagd, Wildtiere und Waldnaturschutz stehen in einem (engen) Zusammenhang.
2. Es ist für uns selbstverständlich, dass zu einem naturnahen Waldbau oder zur Erreichung von Naturschutzmaßnahmen im Wald auch ein jagdliches Eingreifen in Wildbestände gehört, um angestrebte Zielvorstellungen zu erreichen.
3. Jagd kann und darf nicht nur auf das Thema „Schalenwild“ als Waldschädlinge und Störfaktor für Waldnaturschutz reduziert gesehen werden.
4. Wildtiere, die im Artenmanagement als Waldzielarten herangezogen werden (z.B. Auerwild, Wildkatze) werden durch aktive Beteiligung von Jägern (Hegemaßnahmen!) unterstützt, erwähnt sei hier z.B. der Aktionsplan Auerwild.
5. Wildtiere nur auf eine Schädlingsfunktion reduzieren zu wollen, ist im Hinblick auf Waldnaturschutz und Biodiversität zu kurz gesprungen. Z.B. können (wiederkäuende) Schalenwildarten eine Bedeutung als Gestalter von Lebensräumen haben, oder sind Vektoren für die Verbreitung von Diasporen über größere Distanzen.
Wir halten es deshalb für wichtig — wenn das Thema Wild und Jagd in das Gesamtkonzept einbezogen wird, dass das über eine differenzierte Betrachtung in obigem Sinne erfolgt.
Landesjagdverband Baden-Württemberg e.V.

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  Kommentare
Dr. Tobias Kühn am 29.03.2012 12:10:56

Sehr geehrter Herr Dr. Rock,

auf den Gedanken, von der Gesellschaft die entgangene Rotwildjagdmöglichkeit bezahlt zu bekommen, kam meines Wissens noch niemand. Dieser "Geschädigte" müsste sich dann eben eine Eigenjagd im Rotwildgebiet kaufen oder ein Gatter einrichten.
Sie haben Recht: eine Kommune oder ein Privater kann seine Ziele klarer und eindeutiger formulieren, weil auch die Auswirkungen seiner Entscheidung begrenzter ist als bei einem über das Land verteilten Forstbetrieb wie ForstBW.
Hier ist der Landtag gefordert, die großen Ziele zu setzen. Worauf das Schwergeicht liegt, mag sich auch von Legislaturperiode zu Legislaturperiode ändern - das Saarland wird hier sicher aktuellen Anschauungsunterricht bieten. Ob man damit dem Wald und seinen Mitarbeitern gerecht wird, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt...

Gruß

TK

Dr. Joachim Rock am 29.03.2012 11:03:44

Sehr geehrter Herr Dr. Kühn,

den ersten Teil Ihres Statements kann ich voll und ganz mittragen, da er genau dem entspricht, was ich in meinem vorhergehenden Beitrag geschrieben habe. Im zweiten Teil führen Sie jedoch nur ökonomische Aspekte auf, welche auf der ökonomischen Bilanz Forstbetriebes natürlich kalkuliert werden können (mehr oder weniger exakt). Wenn der erste Teil Ihres Statements allerdings universell gelten soll müßte die Gesellschaft dem Eigenjagdbesitzer, der in seinem Wald kein Rotwild halten darf, die Jagdreise bezahlen? Sicher nicht. Die Tatsache, dass es relativ leicht ist, die ökonomische Seite der Waldbewirtschaftung zu berechnen entbindet unter den Stichworten "Sozialpflichtigkeit" und "Nachhaltigkeit" nicht von der Verpflichtung, die ökologische Bilanz mit zu beachten. Für Sie im kommunalen Einzelbetrieb sind die Schwerpunkte vielleicht andere, aber für den Staatswald BW kann man erwarten, dass z. B. für das Auerhuhn sowohl die ökonomischen als auch die ökologischen Folgen (direkt und indirekt) einer "artgerechten" Waldgestaltung beziffert werden. Dann kann man auf informierter Basis entscheiden, was der Gesellschaft das eine oder andere Wert ist und was, in anderem Kontext, ggf. ein Waldbesitzer im Rahmen der Sozialpflichtigkeit an Totholz, Lichtungen, Rohholzbereitstellung, Erholungsnutzung etc. erbringen sollte.

Mit freundlichen Grüßen,

Joachim Rock

Dr. Tobias Kühn am 29.03.2012 10:35:32

Sehr geehrter Herr Dr. Rock,
zu bestimmen, wo welche Schalenwilddichte akzeptabel oder erwünscht ist, ist Sache des Waldeigentümers.
Wer hier eingreifen will, sollte dafür bezahlen, wobei nicht nur aktuelle Aufwendungen (Verbissschutz, zaunbau, Pflanzung statt Naturverjüngung)sondern auch Vermögensbelastungen durch Wuchsverzögerungen, Entwertung (z.B. Verzwieselumg) und Risikoerhöhung durch Entmischung zu bewerten sind.

Dr. Joachim Rock am 28.03.2012 21:41:04

Sehr geehrter Herr Dr. Kühn,

wenn die Eigentümerzielsetzung "halboffene Weidelandschaft" oder "BZT Ia" ist geht Ihre Argumentation ins Leere. Die Entscheidungsfreiheit des Eigentümers ist in beide Richtungen wahrzunehmen.

Ebenso ist das von Herrn Enssle angenommene Primat des "naturnahen Waldbaus" (so interpretiere ich seine Ausführungen) dort hinfällig, wo entsprechende Abweichungen von dieser Wirtschaftsform (z. B. die Tätigkeit größerer Tiere, Lichtungen, ...) naturschutzförderlich ist.

Sowohl die unverbissene gemischte dichte Naturverjüngung wie auch zeitweises Offenhalten von Waldlichtungen und das Selektieren bestimmter Pflanzen sind natürliche Erscheinungen, die zu unterschiedlichen Zeiten sogar auf der gleichen Fläche vorgekommen sein können (nacheinander). Der eine Zustand passt halt besser zu einem bestimmten Zielkanon, der andere zu einem anderen. Beide Zustände sind per se natürlich und werden "unnatürlich", wenn sie in räumlicher und zeitlicher Hinsicht "zu oft" vorkommen. Sie ohne genaue Kenntnis der real-natürlichen Verteilung als "natürlich" oder "unnatürlich" zu bezeichnen ist nicht korrekt.

Die Frage, wo welche Ziele verfolgt werden sollen und wo deshalb welche Schalenwildbestände in welcher raum-zeitlichen Dichte geduldet oder angestrebt werden sollen / können ist nur am Objekt und den hiermit verbundenen wirtschaftlichen, naturschutzfachlichen, ästhetischen, ... Zielen zu entscheiden (und könnte deshalb gemäß Subsidiaritätsprinzip aus der großen Diskussion herausgehalten werden). Zwischen den von Herrn Jauch genannten Zielen 2 und 5 besteht deshalb per se kein Konflikt, zumal das eine eine nach Innen gerichtete Verpflichtung enthält und das andere Außenwirkung haben soll. Wenn regional gegen eines von beiden verstoßen wird und das jeweils andere als Begründung vorgeschoben wird liegt das doch an den beteiligten Personen. Das dürfte in BW nicht anders sein als im Norden der Republik.

MfG

Joachim Rock

Jerg Hilt am 28.03.2012 21:00:33

Es ist erfreulich, dass sich Jäger, Naturschützer und Waldbesitzer einig sind, dass das Thema Jagd/Wild in die Gesamtkonzeption aufgenommen werden muss. Eine differenzierte Betrachtung ist sicher sinnvoll. Entsprechend darf es aber auch nicht zu einem Ausblenden der Probleme kommen, die durch überhöhte Schalenwildbestände verursacht werden. Diese betreffen bekanntlicher Weise nicht nur die Forstwirtschaft, sondern die Florenzusammensetzung insgesamt. Ohne aktive Jäger ist naturnaher Waldbau nicht möglich.

Dr. Tobias Kühn am 28.03.2012 17:55:33

Einen schalenwildfreien Wald wird es nicht geben. Das ist auch nicht erforderlich. Erforderlich ist aber, dass durch das Schalenwild nicht die Eigentümerzielsetzung infrage gestellt wird, Stichwort "Tanne" und "Eiche". Letztere (und noch eine Reihe anderer Arten wie Bergahorn, Kirsche, Douglasie etc.)sollten sich ohne Zaun und Einzelschutz verjüngen können - leider ist das in zahlreichen Fällen noch nicht Realität.

Johannes Enssle am 28.03.2012 16:27:37

Sehr geehrter Herr Jauch,

Ihren Ausführungen zur Jagd kann sich der NABU grundsätzlich anschließen. Wir würden uns von der WNS wünschen, dass die Jägerschaft beim Thema "Hege" für bedrohte Arten auch aktiv adressiert wird.

Auch bei Ihrem Punkt 5 stimme ich Ihnen grundsätzlich zu. Nur machen wir oft die Erfahrung, dass dieses Argument dann häufig zur Legitimation hoher Schalenwildbesätnde hernagezogen wird, wodurch dann wieder Ihr 2. Punkt (naturnaher Waldbau) torpediert wird.

Wie stellen Sie sich den Punkt 5 daher konkret vor? Wie ist er vereinbar mit Punkt 2?

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