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Hinweise / fehlende Aspekte

Klimaerwärmung und Artenschutz

von fe am 22.03.2012 | 14:03 | Kommentare: 5 |

Die Gesamtkonzeption Waldnaturschutz ist ein gutes Mittel zur Förderung der Artenvielfalt im Wald und wäre vor Bekannt werden der Klimaerwärmung sehr zu begrüßen gewesen.

Allerdings ist es fraglich, ob der Prozess vor dem Hintergrund der Klimaerwärmung in die richtige Richtung weist:

§ Die Experten gehen von einer Klimaerwärmung von 2 - 6 Grad aus, wobei 1 Grad bereits Realität ist und die CO2-Emmissionen 2010 und 2011 sogar die für die 6 Grad-variante unterstellten übertrafen.

§ Umweltminister Franz Untersteller warnte (Alb-Bote 12.03.12), dass für den Südwes-ten 3 - 4,5 Grad sehr wahrscheinlich seien, sofern keine Gegenmaßnahmen getroffen werden.

§ Eine Klimaerwärmung von 4 - 5 Grad könnte bedeuten, dass die Pole und Gletscher weltweit abgeschmolzen sind, die großen Flussdeltas weltweit unter Wasser stehen (Lebensraum von "Milliarden" Menschen), Wüsten sich global ausbreiten, große glet-schergespeiste Ströme (z.B. Ganges als Lebensgrundlage für halb Indien) versiegen.

§ Klimaextreme haben die letzten 10 Jahre bereits stark zugenommen (Alb-Bote vom 21.03.2012). Bei einer weiteren Erwärmung werden diese erstens noch extremer werden und zweitens häufiger werden.

Was jedoch bedeutet dieses für unsere Ökosysteme:

§ 4 Grad Klimawärmung auf der "rauen" Schwäbischen Alb bedeutet, dass ein Tempe-raturniveau wie in Freiburg vorliegt - allerdings ohne Grundwasseranschluss und die Feuchtigkeit des Rheins - das Neckarland läge auf dem Temperaturniveau von Flo-renz. Laut FVA verabschiedet sich die Fichte auf den meisten Standorten in BW bereits bei einer Zunahme von 2 Grad. Bei 4 Grad Erhöhung in wenigen Jahrzehnten würde es unsere heutigen Wälder so nicht mehr geben.

§ Aufgrund des Jahrhundertsommers 2003 sind noch heute Buchen kränkelnd und sterben ab - dieses obwohl die Jahre seither für die Wälder sehr gute Witterungsbe-dingungen in der Vegetationszeit aufwiesen. Kommen einmal 2 so Jahrhundertsom-mer kurz hintereinander, dann werden wir unsere Wälder nicht mehr wiedererkennen (Unmöglich? Im Herbst 2011 hatten wir ein Megahoch über 8 Wochen ohne Nieder-schläge).

§ Eine Temperaturerhöhung von 4-5 Grad in wenigen Jahrzehnten würde die Welt in ein globales Chaos stürzen, alle Ökosysteme massiv beeinträchtigen und wäre ver-bunden mit einem Artensterben von nicht absehbarem Ausmaß ("Nach mir die Sinn-flut" erscheint tatsächlich möglich). Die mit dem obigen Prozess zu schützenden Ökosysteme und Arten wären so nicht mehr vorhanden.

Fazit: Der beste Artenschutz ist vor dem Hintergrund der Klimaerwärmung der Klimaschutz. Unsere heutigen Ökosysteme können nur erhalten bleiben, wenn es gelingt die Klimaerwär-mung nicht über 2 Grad ansteigen zu lassen. Aus diesem Grund müssen alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden die CO2-Emmissionen einzuschränken.

Unsere Wälder produzieren einen der wichtigsten Rohstoffe unseres Landes und sichern Arbeitsplätze insbesondere auch im ländlichen Raum (je 100 Fm einen Arbeitsplatz). Vor allem aber ist der Rohstoff Holz "der" regenerative und energieextensive Rohstoff überhaupt den wir haben.

So hat Holz bezüglich der CO2-Emissionen dreifach positive Auswirkungen, ohne die die Treibhausgasemissionen in Deutschland um 13% höher liegen würden:

§ Durch die stoffliche Verwertung (z.B. Möbel, Häuser) werden 18 Mio. t/Jahr an CO2 gebunden.

§ Durch Substitutionseffekte (Vermeidung des Einsatzes von energieaufwändigeren Rohstoffen wie z.B. Aluminium, Beton, Kunststoffe) werden weitere 57 Mio. t CO2/Jahr vermieden.

§ Die energetische Verwertung ergibt eine weitere CO2-Einsparung von 30 Mio. t/Jahr.

(Quelle:  Link Albrecht et al. 2008, Heuer 2011, Rüter et al.2011)

Damit ergibt sich für Deutschland eine Gesamteinsparbilanz von 105 Mio. t/Jahr. Mit griffige-ren Zahlen ausgedrückt bedeutet dieses, dass Holz aus nachhaltigen Wäldern je Fm stofflich verwerteten Holzes über die Substitutionseffekte 1 t CO2 vermeidet und energetisch verwer-tet jeder Fm 0,5 t CO2 einspart.

Die beste CO2-Bilanz erhält man immer dann, wenn Holz stofflich verwertet wird, möglichst lange in Produkten fixiert, bzw. in weiteren Holzprodukten wiederverwendet wird (Recycling) und anschließend noch energetisch genutzt wird. Dieses bezeichnet man als Kaskadennut-zung.

Ebenso werden in Deutschland nur ca. 70 % des nachhaltigen Zuwachses im Wald genutzt, so dass es zu einem weiteren Vorratsaufbau kommt. Hierdurch wird zwar CO2 im Wald ge-bunden, allerdings wirkt sich diese CO2-Senkenwirkung geringer aus als die obigen positi-ven Auswirkungen der Holzverwertung. Auch wird das im Wald gebundene CO2 bei ungenutzt im Wald zerfallendem Holz wieder an die Atmosphäre abgegeben.


Das Gesamtkonzept Naturschutz muss also mehr in die Richtung Vermeidung von Treib-hausgasesmissionen gehen - sprich Artenschutz durch Klimaschutz. Die derzeitige Stossrichtung führt dazu, dass vielfach die positiven Auswirkungen des Rohstoffes Holz auf die Treibhaushausgasemissionen eingeschränkt werden und somit die Klimaerwärmung sogar noch fördert. Dieses führt im Endeffekt wieder dazu, dass unsere heutigen Ökosysteme zerstört werden.

Mein Vorschlag wäre deshalb:

§ Erhalt der heutigen Biotope, aber keine pauschalen flächigen Waldbiotope (wir haben im Wald bereits eine Biodiversität von 85% erreicht).

§ Erhöhung der Produktivität auf allen anderen Standorten und konsequente Abschöp-fung des nachhaltigen Zuwachses.

§ Beschleunigter Aufbau der Kaskadennutzung und der Recyclingmöglichkeiten bei Holz.

§ Überprüfung aller Maßnahmen auf ihre Wirkung bezüglich der CO2-Emissionsverminderung.


Schluss: Es ist mir auch klar, dass wir in Deutschland nicht alleine die weltweiten CO2-Emissionen einschränken können, aber wir müssen alle Möglichkeiten nutzen um die Klima-erwärmung zu bremsen. Die Experten sind sich einig, dass keiner weiss wie sich die Klima-erwärmung tatsächlich auf die Ökosysteme auswirkt - aber es sind sich auch alle einig, dass es niemand mitansehen will. Und sollte die ganze Klimaschutzdiskussion umsonst sein, weil es aus welchen Gründen auch immer doch keine geben wird, dann wäre ich im Interesse meiner Kinder wohl der glücklichste Mensch - aber bis dahin dürfen wir sie nicht ignorieren, da ihre Auswirkungen zu katastrophal sind.


Anmerkungen:

§ Mittel aus Holzerlösen aus einem forcierten Einschlag könnten verwendet werden um Regenwälder zu schützen und somit auch hier einen wichtigen klima- und arten-schutzfördernden Beitrag zu erhalten.

§ Die Auswirkungen der Klimaerwärmung werden sehr anschaulich in der Dokumentation "Die Klimakatastrophe: 6° C, die die Welt verändern" dargestellt. Einsehbar im Internet unter YouTube.

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  Kommentare
fe am 23.03.2012 15:49:37

Liebe Kommentatoren,

zu den untigen Kommentaren habe ich folgende Amerkungen:

Herr Horst: Nein, ich bein kein Holzlobbyist, sondern ein sich sorgender Familienvater mit grünem beruflichem Hintergrund.

Herr Dr. Joachim Rock: Die Zahl 70% habe ich aus verschiedenen (zum Teil auch älteren Publikationen). Unser Moderatorenteam von der FVA müsste aber eigentlich an der Quelle sitzen und uns hierüber den neuesten Stand mitteilen können.

Herr Enssle: Es geht mir nicht um das Verhäckseln des Waldes um irgendwelche Großkraft-werke versorgen zu können, sondern vielmehr um die Weiterführung der naturnahen Wald-wirtschaft, die uns die heutigen Wälder gebracht hat - diese haben immerhin mit 83% einen bei uns nur von wenigen anderen Ökosystemen erreichten Biodiversitätsgrad. Eine nachhal-tige Nutzung wird auch weiterhin die CO2-Senkenfunktion auf jetzigem Niveau erhalten, pa-rallel dazu kann CO2 in Produkten aus Holz über Jahrzehnte gebunden werden (Balken im Hausbau) und energieintensive andere Rohstoffe werden durch den energieextensiven Roh-stoff aus dem Wald von nebenan ersetzt. Wird jetzt noch stofflich genutztes Holz energetisch genutzt (Stichwort Kaskadennutzung über möglichst viele Stufen), dann sind wir unserem Klimaschutzziel einen Schritt nähergekommen. Und ja! Wenn wir das nachhaltige Holz bei uns in größerem Umfang aus der Nutzung herausnehmen, dann werden Tropenhölzer oder andere Rohstoff unter großem CO2-Aufwand aus anderen Teilen der Welt zu uns importiert werden.

Horst am 23.03.2012 14:37:15

Hallo,
da scheint ja ein Lobbyist der Holzwirtschaft/Pelletindustrie am Werk zu sein.

Dr. Joachim Rock am 23.03.2012 13:53:50

Die Aussagen von Ibisch et al. beziehen sich vor Allem auf eine Holzentnahme aus dem Wald primär zum Zweck der Verbrennung. Das ist nachweislich unter Klimaschutzgesichtspunkten negativ WENN man das Holz vor der Verbrennung stofflich nutzen könnte. Effekte wie Maschineneinsatz, Rückegassenbreite etc. sind eingerechnet. Bedenklich wird das aus Klimaschutzsicht erst, wenn man massiv in die Böden eingreift, sonst ist die angesprochene Voll- und Ganzbaumnutzung auf vielen deutschen Waldböden ein Nährstoffnachhaltigkeits-, aber kein Klimaschutzproblem. (Was nicht heissen soll dass man deshalb überall Voll- und Ganzbaumnutzungen "für den Klimaschutz" betreiben soll!)

Diese Aspekte können wir relativ gut berechnen, Biodiversitätskosten der Maßnahmen im Sinne einer Dosis-Wirkungs-Beschreibung sind bisher leider nur selten zu finden. Dabei wären die für die Optimierung der Gesamtbewirtschaftung notwendig.

Viele Grüße,

JR

Johannes Enssle am 23.03.2012 13:17:23

Hallo fe,
zu ihrem durchaus berechtigten Punkte möchte ich der Effizienz halber aus Ibisch et al. (2012) einen Abschnitt zitieren, denn darin werden viele Ihrer Fragen beantwortet. Es handelt sich dabei um eine Stellungnahmen zu einem geplanten Holzheizkraftwerk.

Vor allem zeigt es aber, dass der von Ihnen geforderte "Holzweg" tatsächlich einer ist.


„Eine unangepasste Forstwirtschaft kann dazu beitragen, dass Waldökosysteme zumindest saisonal zu Treibhausgasquellen werden, statt als Senken zu
fungieren. Dies kann nicht allein dadurch passieren, dass mehr Dendromasse entnommen wird, als nachwächst. Entsprechende Effekte ergeben sich u.a. aufgrund von Emissionen aus dem Boden nach Bodenbefahrung, -verdichtung und -verwundung oder durch die
Schwächung der im Wald verbleibenden Bäume (durch Absenkung der stofflichen, hydrischen und thermodynamischen Effizienz und durch nachfolgende Anfälligkeit gegenüber Schad-/Krankheitserregern).

Die energetische Nutzung von Holz und Biomasse bedeutet zwar zum einen, dass fossile
Energieträger substituiert werden, zum anderen fällt aber gleichzeitig die Biomasse- und
Kohlenstoffakkumulation im reifenden Wald fort (lebende und tote Biomasse, Bodenkohlenstoff). Dieser Wegfall ist von der Menge eingesparter Emissionen abzuziehen. Die energetische Nutzung von Wäldern im industriellen Maßstab erfordert zudem eine weitere Intensivierung der Bewirtschaftung. Diese Intensivierung kann zu einer Verkürzung der Produktionszeiten, struktureller Verarmung und steigender Vulnerabilität führen. Die
intensiv bewirtschafteten „Plantagen“ werden von einem dichten Wegenetz durchzogen, welches ebenso einen Verlust an von Bäumen bestandenen Flächen ausmacht, wie die Rückegassen, die meist in einem Abstand von 20-40 m angelegt werden. In einem Wirtschaftswald wird entsprechend deutlich weniger Biomasse gespeichert, als in einem sich weitgehend unbeeinflusst entwickelnden Wald. Auch diese Effekte sind kalkulatorisch einzubeziehen, wenn es um die Abwägung geht, wie der Wald am effizientesten für den ‚Klimaschutz‘ verwendet werden kann. Zusätzlich sind die gut bekannten Emissionseffekte von Maschineneinsatz und Transport in die Berechnung einer Gesamtklimabilanz der
energetischen Holznutzung zu integrieren. Im Falle des Transports von kanadischen
Holzpellets nach Europa wurde berechnet, dass 39% der enthaltenen Energie auf dem Seeweg
quasi aufgezehrt wird.

Eine Gesamtklimabilanz der energetischen Holznutzung ist insofern auch umsichtig zu gestalten, als es darauf ankommt, welche Zeiträume berücksichtigt werden. Wird ein 40 Jahre alter Baum verbrannt, wird es genauso lange dauern, bis er wieder nachgewachsen ist. Eine Gesamtklimabilanz ist noch lange keine Gesamtökobilanz. Diese muss auch die Beeinträchtigungen der biologischen Vielfalt sowie globale räumliche Verlagerungseffekte
einbeziehen.“

Dr. Joachim Rock am 22.03.2012 19:56:11

Sehr geehrte/-r fe,

es ist völlig richtig, dass viele Naturschutzmaßnahmen "Klimaschutzkosten" verursachen. Aber wo haben Sie die Information her, wir nutzten nur 70 % des Zuwachses? Das muss ein Missverständnis sein, siehe Polley et al. (  Link ), S. 1076-1078, oder beziehen Sie sich nur auf eine bestimmte Baumart oder Region?

MfG

JR

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