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Prozessschutz

Nationalpark Nordschwarzwald — die zweitbeste Lösung für den Naturschutz

von Albert Reif am 30.03.2012 | 17:16 | Kommentare: 1 |

Nationalpark Nordschwarzwald — die zweitbeste Lösung für den Naturschutz!

von Albert Reif

Die Deklaration zu einem Nationalpark nach IUCN-Kriterien erfordert es, eine Mindestfläche von 7500 Hektar mit natürlicher Entwicklung als Kernzone auszuweisen. Natürliche Waldentwicklung gewährleistet ein Überleben von Arten, die in genutzten Wäldern ausgestorben sind, eine ungestörte Entwicklung der Lebensgemeinschaften und evolutive Weiterentwicklung der Arten. Dies sind wichtige Ziele des Naturschutzes, die Nutzungsinteressen diametral entgegen gesetzt sind.
Seit dem ersten Vorschlag zur Einrichtung eines Nationalparks im Nordschwarzwald durch SPÄTH (1992) wird dieser Vorschlag daher in dieser Region kontrovers diskutiert (z.B. SCHERFLING 1993). In dieser waldgeprägten Landschaft prallen daher die Interessen der Forst- und Holzwirtschaft, der Tourismusindustrie, des Naturschutzes und der Jagd aufeinander.
Auch innerhalb des Naturschutzes bestehen jedoch Zielkonflikte zwischen dem Arten- und Biotopschutz sowie dem Schutz einer ungestörten Waldentwicklung. Dies betrifft insbesondere auch den Nordschwarzwald, in dem die historische Waldnutzung durch die Veränderung des Waldzustandes die von Natur aus dort seltenen nadelholzgeprägten Lebensräume und ihre Arten förderte, welche heute jedoch einen Bestandesrückgang zu verzeichnen haben, verursacht durch das Aufhören historischer bei zugleich einer Vielzahl neuartiger menschlicher Einflussfaktoren auf die Waldökosysteme. Die Analyse und naturschutzfachliche Bewertung des Prozesses der natürlichen Waldentwicklung bedarf des Verständnisses der Waldgeschichte kombiniert mit einer Prognose der wahrscheinlichen künftigen Entwicklungen.

Standort und potenzielle natürliche Vegetation des Nordschwarzwaldes
Die potentiell natürliche Waldvegetation (pnV) des Nordschwarzwaldes ist in der montanen und hochmontanen Höhenstufe des Nordschwarzwaldes durch das raue Klima und die Geologie des Buntsandsteins mit seinen nährstoffarmen Böden geprägt (METZ 1977). Auf der kontinentaleren, daher spätfrostgefährdeten Ostseite bzw. den Plateaulagen wird die heutige pnV von nadelholzreichen Tannen-Buchen-Wäldern mit geringen Anteilen von Fichte als Nebenbaumart (Luzulo-Abietetum, Vaccinio-Abietetum) gebildet (HAUFF 1967, SCHLOSS 1978, SCHÜLLI 1959). Am ozeanischeren Westabfall dominiert die Buche (tannenreicher Buchenwald, Luzulo-Fagetum). Auf bewegten Hanglagen kommt der Bergahorn hinzu. Auf vernässten oder vermoorten Standorten verlieren Buche und Tanne an Konkurrenzkraft, dort bildet die Fichte die pnV (Bazzanio-Piceetum). Bei noch extremeren Standortsbedingungen fällt auch die Fichte zusehends aus. Am Rande von Hochmooren bildet die Spirke den Moorrandwald im Kontakt zum offenen Hochmoor. Weitere waldfreie Moorflächen finden sich in Karmulden, beispielsweise von Schurmsee und Blindsee. Auf feinerdearmen Blockhalden wie im Naturwaldreservat „Rollwasser“ bilden die Wald-Kiefer, Karpatenbirke und Vogelbeere lichte Bestände im Übergang zu Beerstrauchheiden.
Diese beerstrauch- und nadelholzreichen Wälder sind von Natur aus und bis heute Lebensraum für eine Reihe seltener und gefährdeter Vogel-Arten, die in borealen Wäldern ihren Schwerpunkt haben. Genannt seien Auer- und Haselhuhn, Raufußkauz, Sperlingskauz und Zitronengirlitz (DORKA 1996).

Waldnutzung seit dem Mittelalter
Seit der dauerhaften Besiedlung, also seit dem Mittelalter, lebte die bäuerliche Bevölkerung weitgehend von subsistenzorientierter gemischter Landwirtschaft, mit Ackerbau, Grünlandnutzung und Tierhaltung als Basis. Hinzu kamen Waldarbeit und Gewerbe. Die Extraktion von Bau- und Brennholz, Gewinnung von Harz, Pottasche, Holzkohle (Glashütten!), Waldweide und Streunutzung führten zu einer großflächigen Auflichtung, Zurückdrängung des Waldes und zu einem Nährstoffentzug der Böden.
Extensive Beweidung fand insbesondere an der Peripherie der Siedlungen sowie auf den früher viel großflächigeren Sommerhochweiden, den „Grinden“, statt. Dort bildeten sich Magerrasen in Form von Borstgrasrasen sowie Rotschwingel-Rotstraußgras-Weiden heraus. Das Weidevieh drang auch tief in die angrenzenden Wälder ein und lichtete diese auf.
Vor allem lichtliebende, anspruchslose und schnellwüchsige Baumarten, insbesondere Kiefer, Vogelbeere und Birken, profitierten von der Auflichtung, der Nährstoffverarmung und Vernässung durch die geringer gewordene Verdunstung der „devastierten“ Wälder, während die langsamwüchsigen Schattbaumarten Buche und Tanne zurück gedrängt wurden (SCHÜLLI 1959). In der Bodenvegetation gelangten die ohnehin bereits häufigen Beersträucher Heidelbeere, Preiselbeere, Heidekraut, an versumpften Stellen auch Rauschbeere, zur Dominanz. Streunutzung begünstigte die Wald-Kiefer und förderte die Bildung von Rohhumus (HAFNER 1991). Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erreichte die Walddegradation ihren Höhepunkt.
Diese unsystematisch genutzten und übernutzten Wälder boten für die Arten borealer Lebensräume zusagende Sekundär-Habitate: Beerstrauchreiche, oftmals kieferndominierte Wälder mit Auflichtungen aller Größen, verbliebene schlecht geformte Altbäume, ein Mosaik verschiedener Waldstrukturen, beerstrauchreicher Unterwuchs, Waldfreiheit im Umfeld von Mooren, Missen und Grinden.

Waldnutzung seit dem 19. Jahrhundert
Nach der räumlichen Trennung von Land- und Forstwirtschaft durch das badische Forstgesetz von 1833 wurden die Wälder als Altersklassenwald im Kahlhiebverfahren bewirtschaftet und mit Fichte bepflanzt, auf armen Böden erfolgte meist ein Anflug oder eine Ansaat von Wald-Kiefer und Fichte (SCHIZ 1985, SCHÜLLI 1959). Viele ehemalige Hutungen und Blößen wurden ebenfalls aufgeforstet, insbesondere mit Fichte. Vor allem seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die „Missen“ der vernässten Karmulden und Plateaulagen durch die Anlage weit verzweigter Grabensysteme entwässert (SCHÜLLI 1959). Durch die „Franzosenhiebe“ (Reparationshiebe) der Zeit nach 1945 entstanden weitere große Kahlflächen, in denen die schnellwüchsige Fichte gepflanzt wurde (BRUCKNER 1980). Die Fichte wurde somit in den letzten 200 Jahren zur landschaftsprägenden Baumart des Nordschwarzwalds (SCHMIDT 1994).

„Neuartige Waldschäden“ und Waldkalkung
Zunehmende Säurebelastung seit den 1980er Jahren führte auch im Nordschwarzwald zu einer Basenverarmung der Böden und Labilisierung der Wälder („neuartige Waldschäden“). Magnesiummangel führte zur Reduktion der Vitalität und schließlich zum Absterben von Beständen, insbesondere der Fichte.
Nach starker Reduktion der Schwefeleinträge gegen Ende der 1980er Jahre belasten die immer noch hohen Stickstoffeinträge die Waldökosysteme weiter (LANDESANSTALT FÜR UMWELTSCHUTZ BADEN-WÜRTTEMBERG 2004). Stickstoffeinträge führen zum einen ebenfalls zu Versauerung und Basenauswaschung, zum anderen stimulieren sie jedoch das Wachstum der Bäume, deren Bedarf an Magnesium dadurch steigt.
Auf den meisten Flächen versucht die Forstverwaltung, durch Waldkalkung dieser Versauerung entgegen zu wirken. Da oftmals nicht nur Kalk, sondern sogenannte „Forstsondermischungen“ mit Phosphatanteilen ausgebracht werden, führen atmosphärische Einträge reaktiven Stickstoffs in Kombination mit derartiger Waldkalkung zu einer systematischen Düngung der Wälder (HÖCKE 2007). In den letzten beiden Jahrzehnten wurden bereits großflächig die früher oftmals mächtigen Rohhumusdecken abgebaut, heute herrschen Moder oder F-Mull als Humusform vor. Dies verbessert das Wachstum der Bäume insgesamt, benachteiligt jedoch die lichtliebende Wald-Kiefer, und führt zu einer Veränderung der Bodenvegetation (KRAFT et al. 2003). Insbesondere lichtliebende Magerkeitszeiger werden zunehmend von Farnen, Brombeeren, Himbeeren und nährstoffliebenden krautigen Arten verdrängt. Auch in der Moosflora treten Veränderungen ein, säureliebende Arten wie Bazzania trilobata und Sphagnum-Arten werden tendenziell durch weiter verbreitete Moosarten ersetzt.

Stürme und Hinwendung zum Dauerwald
In den 1990er Jahren wurden große Waldflächen durch Stürme (Vivian und Wiebke 1990, Lothar 1999) geworfen, große Kahlflächen entstanden. Mehrere heiße Sommer führten zu Borkenkäfer-Kalamitäten, welche weitere Fichtenbestände zum Absterben brachten. Die Forstverwaltung reagierte mit einer Abkehr vom Altersklassenwald und einer Hinwendung zur Begründung gemischter Wälder, die seither in wiederstandsfähigeren „Dauerwald“ überführt werden. Die entsprechenden Waldentwicklungstypen zur bestandesbezogenen Waldbauplanung sind nach wie vor nadelholzbetont (MINISTERIUM LÄNDLICHER RAUM BADEN-WÜRTTEMBERG 1999), doch auch auf armen Böden sind Anteile von Buche und anderen Laubhölzern aus Voranbau und Naturverjüngung vorgesehen, um die Naturnähe und Resilienz der Wälder zu erhöhen.

Prognose einer möglichen natürlichen Entwicklung
Mit einer Beendigung direkter forstlicher Einflussnahme werden auch im Nordschwarzwald auf armen Böden nach einem Zusammenbruch der Fichtenbestände zunächst wieder Fichten sowie Vogelbeeren in durch Trockenheit und Befall mit Borkenkäfer labilen Beständen zur Vorherrschaft gelangen. Ähnlich wie im Nationalpark Bayerischer Wald werden strukturreiche, für den Naturschutz sehr interessante, doch für den Menschen ungewohnte Waldentwicklungsstadien entstehen. Unter der Annahme, dass auch in einem Nationalpark angesichts des Fehlens von größeren Prädatoren eine jagdliche Absenkung der Dichte der Wildstände erfolgen wird, würden jedoch Tanne und Buche langfristig selbst in heute großflächige Fichtenwaldungen wieder einwandern. Lediglich Blockhalden, Karseen und Moore würden dauerhaft waldfrei bleiben.
Überlagert werden diese Prozesse von den zunehmend spürbaren Auswirkungen des Klimawandels (SPEKAT 2007). Die heute bereits nachgewiesene Erhöhung der Lufttemperatur um etwa 0,2 Grad C pro Jahrzehnt in Südwestdeutschland (KIRCHGAESSNER 2001) führt zu einer längeren Vegetationsperiode mit wärmeren Sommern. In früheren Jahrzehnten ungewöhnliche Hitzejahre belasten insbesondere die Fichte. Die Tanne und vor allem die Buche dagegen werden mittelfristig wohl von der Temperaturerhöhung profitieren (AMMER et al. 2005, KÖLLING 2007). Hinzu kommt, dass bei Andauer der Stickstoffeinträge auch die schleichende Eutrophierung der Wälder weiter voran schreiten wird, was die Laubbäume begünstigt.
Es spricht daher vieles dafür, dass sich langfristig auf den weit verbreiteten „Normalstandorten“ auf großen Flächen die nadelholzreichen Wälder durch natürliche Sukzession in buchengeprägte, tannenreiche Bergmischwälder (Luzulo-Fagetum, Galio-Fagetum) entwickeln werden. Die Fichte wird wahrscheinlich als Mischbaumart in geringen Anteilen und auf Sonderstandorten erhalten bleiben, die Kiefer wird fast vollständig verschwinden.

Zielkonflikte zwischen dem Schutz europäisch bedeutsamer Vogel-Arten und ihrer Lebensräume auf Flächen mit natürlicher Waldentwicklung
Wesentliche Charakteristika der Wälder des Nordschwarzwaldes waren und sind nährstoffarme Standorte mit offeneren Lebensräumen und einer Vielzahl verschiedener, nadelholzgeprägter Waldstrukturtypen. In diesen Lebensräumen fanden und finden viele heute seltene, gefährdete Arten zusagende Habitate.
Vor allem in den letzten 150 Jahren haben sich die Lebensräume gegenüber früher stark verändert: Die Wälder wurden insgesamt gleichförmiger, strukturärmer und dunkler, unterbrochen von Kahlschlagphasen. Nassstandorte verloren an Fläche und veränderten sich bezüglich ihrer Struktur und Artenzusammensetzung. Der Abbau der Rohhumusdecken und die Zunahme von Nährstoffzeigern weisen auf eine standörtliche „Drift“, verbunden mit langfristigen und bis heute andauernden sukzessionalen Veränderungen hin. Dadurch geht die Jahrhunderte alte Habitattradition verloren. Künftig noch weiter zunehmende Erwärmung wird den nadelholzgeprägten Charakter der Wälder und damit den Lebensraum wichtiger Zielarten des Naturschutzes stark reduzieren.
Ein Schutz großer Teile des Nordschwarzwaldes in Form eines Nationalparks wird den Lebensraum der nadelholzgeprägten „borealen“ Arten langfristig weiter verschlechtern, insbesondere auch durch den Ausfall der Wald-Kiefer. Im Gegenzug ist nicht erkennbar, dass eine nennenswerte Zahl gefährdeter Arten durch das Einwandern der Buche neu hinzukommen würde: Nur wenige Arten sind spezifisch an die Buche gebunden (WALENTOWSKI et al. 2010).

Naturschutzfachliche Kriterien und die Auswahl von Prozessschutzgebieten
Die „Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“ der Bundesregierung sieht vor, bis zum Jahr 2020 insgesamt 5 % der Waldfläche einer natürlichen Entwicklung zu überlassen (BMU 2007). In Baden-Württemberg wird angestrebt, bis 2020 etwa 32.600 ha (ca. 10% der Staatswaldfläche) als dauerhaft nutzungsfrei auszuweisen (  Link Zugriff 26.3.2012 ).
Werden große Totalreservate wie die Kernzone eines Nationalparks ausgewiesen, kann sich dort langfristig die typische natürliche Lebensgemeinschaft aller Arten in großer Vollständigkeit einstellen, im Nordschwarzwald also die der Buchen-Tannen-Waldes.
Allerdings geht die Ausweisung einer großen Kernzone eines Nationalparks „zwangsläufig“ zu Lasten der Ausweisung der Anzahl kleinerer Gebiete mit natürlicher Waldentwicklung, denn Vorrangflächen für den Prozessschutz sind flächenmäßig begrenzt. Aus diesem Grund auch muss die naturschutzfachliche Wertigkeit eines Nationalparks hinterfragt werden in Relation zu den Wertigkeiten einer flächenproportionalen Anzahl kleinerer Naturwaldreservate („SLOSS“-Debatte).
Ein Nationalpark benötigt mindestens 7.500 Hektar an Kernzone. Für den Nationalpark Nordschwarzwald stünden 5.000 Hektar bereits als Schutzgebiete mit natürlicher Entwicklung zur Anrechnung zur Verfügung. Weitere 2.500 Hektar würden in den kommenden 20 — 30 Jahren in einer NP-Entwicklungszone zu Buchen-Tannen-Wäldern umgebaut werden, also der pnV, wie sie sich bereits heute wie auch bei wärmerem Klima in dieser Höhenlage einstellen wird.
Angesichts der insgesamt beschränkten Fläche für nutzungsfreie Wälder müssen jedoch auch andere Varianten eines Schutzgebietssystems durchdacht werden: Der Verzicht auf die Vergrößerung der Kernzone würde Handlungsspielräume ergeben für die Optimierung der gesamten Flächenkulisse der Schutzgebiete des Bundeslandes Baden-Württemberg. Damit entstünde Gestaltungsspielraum, um die existierende Kulisse an Bannwäldern zu einem echten Schutzgebietssystem zu entwickeln.
Betrachtet man die Größenordnung der aktuell existierenden Naturwaldreservate (in Baden-Württemberg als „Bannwald“ bezeichnet) dieses Bundeslandes, so liegt deren durchschnittliche Größe bei 70 Hektar. Der größte Bannwald, das im Februar 2012 ausgewiesene Pfrunger-Burgweiler Ried, ist etwa 450 Hektar groß, enthält jedoch Anteile von etwa 65 Hektar an offenen Moorflächen. Das bedeutet, dass rein rechnerisch anstelle einer Nationalpark-Entwicklungszone im Nordschwarzwald auf weitgehend „mittleren“ Standorten mindestens fünf weitere weit überdurchschnittlich große oder 35 durchschnittlich große Bannwälder landesweit ausgewiesen werden könnten.

Empfehlungen für den Naturschutz
Vor diesem Hintergrund erscheint die Ausweisung eines Nationalparks im Nordschwarzwald mit großflächiger natürlicher Waldentwicklung nur die zweitbeste Option für den Naturschutz zu sein. Wesentlich sinnvoller ist es, die entsprechende Waldfläche mit natürlicher Entwicklung für die Planung eines landesweiten Schutzgebietssystems mit Bannwäldern zu verwenden. Dies gilt insbesondere für die Ausweisung großer Naturwaldreservate (in Baden-Württemberg: Bannwälder), die unter Anwendung der Bewertungskriterien Seltenheit und Gefährdung, der Repräsentanz bzw. der Komplementarität der unterschiedlichen Standorte und Waldgesellschaften ausgewählt werden könnten.
Folgende Maßnahmen sind im Nordschwarzwald zur Weiterführung der Habitattradition wesentlich sinnvoller als die Erweiterung der bereits existierenden Waldflächen mit Prozessschutz zu einer großen Kernzone:
(1) Ausweisung großer Totalreservate im Umfeld der Nassstandorte (Moore und Missen) mit adäquaten Pufferbeständen im Kontakt hierzu. Erlaubt, ja erwünscht sein sollen Jagd zur Absenkung der Schalenwilddichte sowie die Möglichkeit der Bekämpfung von Neobiota.
(2) Wiederherstellung des ursprünglichen Wasserhaushalts durch Auflassen von Grabensystemen auch entlang von Forststraßen in einer Pufferzone zu Totalreservaten nasser Standorte.
(3) Ausweisung von Schonwäldern (Anmerkung: Bewirtschaftete Wälder mit prioritärer Naturschutzzielsetzung in Baden-Württemberg) mit dem Ziel der Förderung von Wald-Kiefer in langen Erntezeiten im Umfeld ausgewählter „Missen“ und der Tanne auf terrestrischen Böden.
(4) Bewirtschaftung dieser Schonwälder mit pfleglichen Verfahren, insbesondere was die Holzernte und den Bau von Forstwegen und Rückegassen betrifft.
(5) Nadelholzorientierte Waldwirtschaft in Form von Plenter- und Femelwald, eventuell in Form von Schonwald, könnte auf großen Flächen der „Normalstandorte“ versuchen, die Nadelholztradition als Naturschutz- und Wirtschaftsziel weiterzuführen. Die Tannenanteile sollten dort erhöht werden, Buchenanteile gering bleiben.
(6) Möglichst hohes Erntealter der Nadelbäume, Ausweisung eines Netzes von nutzungsfreien „Waldrefugien“, Habitatbäumen und —baumgruppen (FORSTBW 2010).
(7) Strikte Ruhezonen für gefährdete Vogelarten.
(8) Striktes Verbot von Waldkalkung in Auerhuhn-Lebensräumen für alle Waldbesitzer.
(9) Erhalt der traditionellen Hochweiden der „Grinden“ als Offenflächen durch Beweidung. Ausweisung von Schonwald mit Waldweide im Kontaktbereich zu Grinden.

Ein Schwachpunkt dieses fachlich begründeten Vorschlages sei jedoch zugegeben: (Kern-)Zonen eines Nationalparks sind besser und dauerhafter gesetzlich geschützt als lediglich durch Verordnung geschützte Bann- und Schonwälder. Hinzu kommt, dass das Personal für Waldschutzgebiete weniger unabhängig vom zuständigen Ministerium ist sowie leichter abgebaut werden kann.

Literatur
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Anschrift des Autors:
Prof. Dr. Dr. h.c. Albert Reif, Universität Freiburg, Fakultät für Forst- und Umweltwissenschaften, Waldbau-Institut, Standorts- und Vegetationskunde, Tennenbacher Str. 4, D-79085 Freiburg. Tel. xx49 (0)761-203-3683 FAX xx49 (0)761-203-3781 E-Mail: albert.reif@waldbau.uni-freiburg.de

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  Kommentare
M. Krebs am 30.03.2012 17:59:53

Schlüssige Ausarbeitung, leider erst so spät im Forum!
Was bei der naturnahen Waldwirtschaft zu kurz kommt sind die "Extreme auf größeren Flächen", d.h. ganz dichter dunkler Wald oder ganz lichte Strukturen/Offenlandbereiche. Die im Beitrag genannten 9 NatSch-Empfehlungen decken viele Biodiversitäts- und Lebensraumansprüche ab. Für lichtliebende Arten scheinen sie mir unzureichend (mit Ausnahme von Punkt 9 Grindenmanagement)!

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